2. Juni 2008
Globales Bewusstsein und globales Mitgefühl
In der NZZ habe ich soeben einen Artikel des australischen Ethikers Peter Singer gelesen: „Wer sich moralischer Verpflichtungen entzieht, wird unglücklich“. Singer verwendet dabei den Ausdruck „Moral“ nicht im Sinne auferlegter Konventionen; er meint damit eher eine Art von unspektakulärer, auf die Bedürfnisse der augenblicklichen Situation ausgerichteter, ethischer Vernunft; ich würde sie als „Logik des Herzens“ bezeichnen.
Folgendes von ihm angeführte Gedankenexperiment, mit dem er seine Vorträge über Weltarmut und Ethik einzuleiten pflegt, ist dafür beispielgebend: „Ich bitte meine Zuhörer, sich vorzustellen, dass sie an einem Teich vorbeikommen, in dem ein Kind ertrinkt. Es ist niemand anders da, der helfen könnte. Durch die Rettungsaktion würde man allerdings seine feine Kleidung ruinieren. Fast alle sind überzeugt, dass man unter solchen Umständen eine Pflicht hat – lieber würde ich sagen, dass man dem inneren Ruf folgt – das Kind zu retten, auch wenn man dabei seine teuren Schuhe ruinieren muss. Und nun frage ich, wie sich diese Situation von der unterscheidet, in der wir uns gegenüber den ärmsten Bewohnern dieser Erde befinden. Würden wir auf ein paar teure Konsumgüter verzichten und den entsprechenden Geldbetrag stattdessen spenden, so könnten wir damit das Leben vieler Menschen retten. Viele Leute weitern sich aber zuzugeben, dass sie gegenüber den Ärmsten der Welt Pflichten haben, die vergleichbar sind mit der Pflicht gegenüber jenem ertrinkenden Kind im Teich. Aus ethischer Sicht sehe ich jedoch keinen Unterschied.“
Die mehrfache Verwendung des Wortes „Pflicht“ hat mich zuerst irritiert, weil ich damit rasch an durch Konventionen auferlegtes Verhalten denke. Auch wenn ich dieses gegenüber der Logik des Herzens als „minderwertig“ empfinde, muss ich gestehen, dass der falsch verstandene Individualismus Vieler dafür spricht, eine (noch) nicht vorhandene natürliche Rücksichtnahme durch moralische Regeln gemeinschaftsdienlichen Verhaltens zu sichern. Auch die Option des Geldspendens muss sorgfältig bedacht sein; nicht immer ist finanzielle Hilfe der beste Weg zu einer nachhaltigen Befreiung Notleidender aus ihrem Leid.
Was der Vergleich für mich zeigt, ist der Zusammenhang von Bewusstseinsentfaltung und empfundener Weite des Mitgefühls. Wenn die Bereitschaft mitzufühlen sich im Bewusstsein der Sippen- und Stämme auf den Kreis der Nächsten beschränkte und im Kampf um Lebensraum bereits der Nachbar als möglicherweise zu bekämpfender Fremder gesehen wurde, so dehnte sich die Weite des Mitgefühls im Verlauf der Geschichte über die Allernächsten hinaus, Ethnien und Nationen einschliessend. Allerdings steckt die Mehrheit der Menschen auch heute noch in grösseren und kleineren Konflikten um ethnische oder nationale Abgrenzung fest. Die als natürlich empfundenen Grenzen vom Eigenen zum Fremden sind nach wie vor eng; erst ein verschwindend kleiner Teil der Menschheit ist dazu fähig – geschweige denn bereit - globale Zusammenhänge aus einem umfassenden Mitgefühl wahrzunehmen und dementsprechend aus einer natürlichen Logik des Herzens zu handeln. Singers Vergleich spricht dafür eine deutliche Sprache.
Der Weg zur globalen Mitverantwortung wird lang sein, und - wie ich fürchte - auch konfliktreich; ich vermag mit bestem Willen nicht einmal eine signifikante Minderheit global Empfindender und Handelnder auszumachen. Die nächste Zukunft braucht vor allem Leader – auch im Bereich der Politik und der Medien – welche die Position globalen Wohlergehens wahr- und einzunehmen vermögen; die fähig und willens sind, ihre Einsicht in die Notwendigkeit globaler Rahmendbedingungen einer blinden und schweigenden Mehrheit glaubhaft zu machen; Rahmenbedingungen, welche mit Sicherheit die Souveränität der Nationalstaaten beschneiden und dabei auch den Lebensstil der Einzelnen begrenzen werden.
Globalisierung des Bewusstseins meint mehr als die unendliche Geschichte der frühen Eroberungszüge, des Kolonialismus, der globalisierten Wirtschaft: Es geht um angewandte Herzenslogik aus einer den ganzen Globus umfassenden Sicht. Auch – oder vielleicht: ausgerechnet - die „schädlichen“ Entwicklungen können uns zu einem Sprung in ein neues Bewusstsein führen: Das Wohlergehen der Einzelnen ist vom Wohlergehen der ganzen Menschheit und ihrer Lebenssphäre abhängig. Kollaps – in welcher Form auch immer: Klima, Wasser, Krieg, Terrorismus, Finanzen – heisst die andere Option. Für den Fall ihres Eintritts dürfen wir uns immerhin damit trösten, dass die Natur auf das Verschwinden der Menschheit mit einem grossen Aufblühen reagieren würde.
24. Mai 2008
Die USA verzichten nicht auf Streubomben! Wie verhalten sich verantwortliche Weltbürger?
Was können eigenverantwortliche Weltbürger tun? Was sind die gewaltfreien Wege, um in keiner Weise an der Förderung dieses Verhaltens teilzunehmen? Schliesslich finanzieren wir die Kriege der USA auf vielfältige Weise mit, denen wir uns nicht immer entziehen können.
Aber wir können auf Reisen in die USA, soweit nicht unumgänglich, verzichten. Wir können Produkte von Firmen umgehen, deren Wurzeln in den USA liegen. Wir können dies die lokale Botschaft der USA wissen lassen. Wir können darüber zu Freunden sprechen - auch zu den US-Amerikanern unter ihnen - und auch in der Öffentlichkeit, sofern wir dazu die Mittel haben.
Natürlich ist es nicht nur das Verbot der Streubomben, wo wir in diesem Sinne aktiv werden könnten. Irgendwann muss die Zivilgesellschaft beginnen, dort durch ihr Verhalten "abzustimmen" wo sie dazu Möglichkeiten hat. Wer ist die Zivilgesellschaft? Wir alle, sich mitverantwortlich fühlenden Weltbürger!
18. Mai 2008
Gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen
Was mir am Artikel gefällt, ist der Versuch einer Übertragung der Selbstverpflichtung in Form des hippokratischen Eids, wie ihn die Ärzteschaft seit jeher kennt, auf die Verantwortung der unternehmerischen Entscheidungsträger. Das erste Gebot hiesse dementsprechend:
"Das Wohlergehen deines Unternehmens sei dein höchstes Gesetz". Dem würde sich das zweite Gebot anschliessen: "Du sollst auf keinen Fall dem Unternehmen schaden." Und weiter das dritte "Du sollst die Hoheit der Eigentümer wahren, den Bestand und die dauerhafte Rentabilität deines Unternehmens sichern, die Rechte und Würde der Mitarbeitenden achten, Verantwortung für die gesellschaftlichen und ökologischen Konsequenzen des unternehmerischen Handelns übernehmen und das Unternehmen nur in ehrlichen und transparenten Transaktionen engagieren."
Das dritte Gebot, das ich bereits in freier Formulierung angepasst habe, wäre - speziell im Hinblick auf die Verantwortung für die gesellschaftlichen und ökologischen Konsequenzen unternehmerischen Handelns - sehr genau anzusehen. Aus einer von den eigenen Interessen und Ängsten ungetrübten Sicht auf die globalen Zusammenhänge, womit wir einmal mehr wieder bei der Verankerung des verantwortlichen Weltbürgers in einer spirituellen Aufgehobenheit wären. Ich sehe sie als Vorbedingung für weltbezogenes, von den vitalen Impulsen und den durch sie ausgelösten Emotionen freies Fühlen, Denken und Handeln.
12. Mai 2008
Integrale Weltbürgerkunde in fünf Schritten
Aus dem eben eingetroffenen Newsletter des Integral Institutes zitiere ich die Ankündigung eines Gesprächs von Ken Wilber mit Jim Garrison, Präsident des 1995 von ihm gemeinsam mit Michael Gorbatschew gegründeten State of the World Forum. Das vollständige Gespräch kann auf der Website des Integral Institute angehört werden. Es sind Gedanken, die mir am Herzen liegen, und die ich - in anderer Form - auch im Buch „Eine Welt oder Keine“ ausgedrückt habe.
"Nobody on this planet goes to bed at night hungry because of lack of food. They go to bed at night hungry because of lack of political ideas, and the lack of political systems to get them the food."
So, finally, we come to the all-important question: "what now?" As Integral thinkers, practitioners, leaders, artists, and activists, it is essential that we live up to a new standard of global citizenship, in which some sort of civic engagement becomes as intrinsic to our personal practice as any meditation, study, or physical exercise. These inner-focused practices must be allowed to come to fruition and find full expression in the world, or else we begin to swallow our own light, rather than sharing it with those who need it most.
Integral Civics in Five Generic Steps
Step 1 - Wake up! Continue to practice, practice, practice, in as many fundamental areas of your life as you can. If our problems demand an Integral response, the Integral response demands your ongoing efforts to enact it. This is arguably the most important step, which is why it is the first step—but it cannot be the only step.
Step 2 - Get informed! If you wish to do something to help the world, then you need to understand what is going on. Find perspectives that you trust, and use the Integral framework to deepen your understanding of these perspectives. While many feel that staying in touch with the news in our sound-byte-driven media can feel like standing on a mountain of marbles, there are indeed sane and stable voices out there, who retain some degree of journalistic integrity. Find those voices.
Step 3 - Interact! Share your perspective with your friends, your family, and your community, Integral or otherwise. Pay attention to where you agree, and where you disagree, while keeping in mind that, from an Integral perspective, everyone is always right—even if some are more right than others. Simply sharing your ideas and values with others helps to further refine and focus your views, especially while keeping an eye out for your own personal and cultural shadows, biases, and blind spots.
Step 4 - Get involved! Decide what level of engagement works for you, whether that means donating a portion of your disposable income to a particular cause or candidate that you resonate with, all the way to taking it to the streets in public protest—of course, at an absolute minimum, if you have any Integral perspective at all, you should be voting!
Step 5 - Wake up! The alpha and omega of Integral civics. You are asleep, and are having a dream. In that dream, millions of people are suffering needlessly. What is the best way to immediately liberate all of these people, to alleviate all of this pain?
Just open your eyes, and wake up. Now.
1. Mai 2008
Radikale Liebe
Zuerst erschien mir nochmals die Erinnerung an die Veranstaltung "Forum Weltethos" in Fribourg, deren persönliche Eindrücke ich in meinen Notizen vom 26. und 27. April beschrieben habe. Ist diese Art des aus mythischen Gottesbildern beruhenden interreligiösen Dialogs nicht eine eigentliche Blockierung der Bewusstseinsentfaltung, hin zum eigenverantwortlichen Weltbürger, der aus einer tiefen Liebe zur Schöpfung spürt, wo, wann und in welcher Form sein Beitrag zum Wohl der Gemeinschaft Sinn macht? Der aus seiner inneren Tiefe weiss, dass er als individueller Ausdruck des Einen Seins Teil dieser globalen Gemeinschaft ist und durch sein Fühlen, Denken und Handeln laufend zur kollektiven Bewusstseinsveränderung beiträgt? - Es braucht Menschen, welche dieses Festhalten im ewigen Diskurs um die Unterschiede überschreiten, und beginnen, aus der umfassenderen Einheit zu sehen und zu wirken. Sie werden möglicherweise auf lange Zeit hinaus eine verschwindende Minderheit bleiben, doch kann aus ihrer Vernetzung eine Kraft entstehen, die den individuellen Alltag überschreitet und gesellschaftlich wirksam wird.
Später am noch frühen Morgen habe ich im Internet die Nachricht gefunden, dass Mc Cain und Clinton vorschlagen, während der Sommermonate die Treibstoffabgaben ganz zu suspendieren, damit die Amerikaner trotz der gestiegenen Treibstoffpreise ihren Sommervergnügungen per Auto nachgehen können. Was sind alle die sogenannten ethischen Bekenntnisse wert, wenn sie so schnell und opportunistisch dem eigenen Vorteilsstreben zum Opfer fallen? Und damit allenfalls noch Erfolg haben? Kennen wir dies nicht auch im eigenen Lande?
Am Frühstücksgespräch werden die Gedanken noch radikaler. Die Klientin, die heute ihre mehrtägige Bewusstseinsarbeit abschliesst, hat infolge ihres Medienentzugs nichts von dem schrecklichen Familien- und Vergewaltigungsverbrechen gehört, das in Österreich aufgedeckt wurde. Ich habe andererseits - auch via Internet - gesehen, wie sich nicht nur die ganz Welt entsetzt - zu Recht! - sondern wie nun die Angelegenheit in all' ihren grausigen Aspekten ausgeschlachtet wird. Das Erzählen und Beschreiben führt die Gedanken weiter:
- Die Monstergeschichte, je grausiger sie sich darstellt, erleichtert es uns, auf den einmaligen Charakter hinzuweisen, und die Sache als etwas wegzuschieben, das mit uns nichts zu tun hat. Das ist anormal, krank etc. Stimmt!
- Aber ist nicht auch die Förderung der Luftverschmutzung durch die Senkung der Treibstoffabgabe eine Spielart, die Folgen des Handelns für die Gemeinschaft aus dem Bewusstsein wegzuschieben? Und damit noch Wählerstimmen zu gewinnen? - Und wie ist es mit den interreligiösen Diskursen um einen Gott, dessen Wohlgefallen wir verlieren oder gewinnen, während die Gläubigen in ihrer Verblendung sich selbst und die Häuser der andern in die Luft sprengen?
- Haben wir es nicht in allen drei Fällen mit einer Verstrickung in die Triebe und Emotionen zu tun? So tief, dass sie das Fühlen, Denken und Handeln aus unserem innersten Wissen verschleiern und bestimmen? Unterschiedliche Formen und Schweregrade - durch unsere derzeitigen Strafgesetze erfasst oder auch nicht - des selben Phänomens: Blindheit für die Wirkungen unseres Tuns auf die Gemeinschaft?
23. April 2008
Freie Liebe - ein Text von Sabine Lichtenfels
GRACE und freie Liebe
(Auszug aus einer frei gesprochenen Rede von
Sabine Lichtenfels auf der Tamera-Sommeruniversität 2007)
Es kann keine freie Liebe geben ohne eine tiefe Anbindung an die Spiritualität.
Wenn mein ganzes Denken geprägt ist von Verlustangst, werde ich immer im Vergleich leben.
Ich werde immer verteidigen und in dem Moment, wo die Angst einsetzt, geht man über in eine Kampfeshaltung. Ich kann aber auch in den tiefen Zustand des Vertrauens eintreten, zurückkehren zu mir selbst, zu der Frage: "Wer bin denn ich?"
Ich kann nur lieben, wenn ich wieder eintrete in diesen Zusammenhang mit der Welt und meine Aufgabe erkenne. Ich muss daran glauben, dass es auch für mich eine Aufgabe gibt.
"Ich bin geliebt."
Hier spürt man, wie viele Jahrtausende von Geschichte wir - wir Frauen und wir Männer - abwerfen müssen, bis wir zu diesem Grundgefühl zurückkehren können: "Ich bin geliebt als sexuelles und sinnliches Wesen von der heiligen Quelle des Lebens."
Ich werde dann auf einmal bemerken, dass meine Freiheit nicht darin besteht, beliebig zu sein, sondern darin, meine Aufgabe zu erkennen und anzunehmen. Ich werde dann auf einmal merken, dass es gar keine privaten Liebesbeziehungen gibt, sondern dass sich alles vor dem Hintergrund eines universellen Geschehens ereignet.
Die Sonne hat ihre Freiheit darin, dass sie scheint. Sie wird nicht morgens erwachen und sagen: "Oh, ich habe keine Lust zu scheinen." Und sie wird sich auch nicht vom Mond erpressen lassen, indem der Mond sagt: "Du darfst nur für mich scheinen." Die Sonne wird ihre göttliche Quelle dadurch erfüllen, dass sie sich verschenkt.
Und das übertragen: Eine Frau, die ihre Verbindung wieder gefunden hat zur göttlichen Quelle und zur Führung wird ihre Liebe dadurch verwirklichen, dass sie lernt zu dienen, achtsam zu sein, wahrhaftig und verschenkend. Auf einmal ist es von großer Bedeutung, wohin mich die Göttin heute führt. Ich werde in das Vertrauen eintreten, das mir sagt, wenn die Göttin eine tiefe Partnerschaft für mich vorgesehen hat, wird sie mich von selbst dahin führen, ich muss keine Erpressungsmanöver unternehmen, um eine Partnerschaft zu erhalten.
In diesem Zustand des Vertrauens frage ich nicht: "Was kriege ich?" Ich trete auch nicht in dieses unersättliche Begehren ein gegenüber dem Mann oder gegenüber der Frau, aus dem Glauben, nie satt zu werden.
Freie Liebe hat nichts mit Konsumverhalten zu tun, sondern dass man weiß: Alles, was mir begegnet, ist göttlich.
17. April 2008
Schattenspiele: In der Oper wie in der Welt
Aus einem Brief an Claus Helmut Drese*
(Anlässlich eines Besuches in seinem Haus im Blenio-Tal hatten wir uns, insbesondere im Zusammenhang mit den Judenvernichtungen im Deutschland des 2. Weltkriegs und dem gegenwärtigen israelisch-palästinensischen Konflikt, über die Wichtigkeit der Aufarbeitung kollektiver Prägungen unterhalten und sind dabei - wie zufällig - zur letzten Zürcher Zauberflöte gelandet, die wir beide spontan als Entfremdung von Mozarts Oper abgelehnt hatten.)
Gleich wie unsere Diskussion um die Verdrängung von historischen Demütigungen und Niederlagen auf kollektiver Ebene und die Manifestation dieser gemeinschaftlich verdrängten Komplexe im Weltgeschehen, hat mich auch das Gespräch über die letzte Zürcher Zauberflöte nicht losgelassen.
E-Dur – die Tonart von Sarastros Arie „In diesen heiligen Hallen“ – sei eine böse, von Mozart sonst kaum angewandte Tonart, sagt offenbar Nikolaus Harnoncourt. Er nimmt dies als Indiz, Mozart habe Sarastro nicht in der Rolle des weisen und guten Herrschers gesehen, als der er bis jetzt in der Rezeptionsgeschichte der Zauberflöte dargestellt wurde.
Heute, auf der Heimfahrt mit unserem reparierten Auto aus dem Tessin, setzten sich folgende Gedanken zusammen: Wenn wir – im Sinne der Psychologie des Unbewussten – in der Figur der Königin der Nacht Sarastros verdrängte weibliche Seite sehen und im Moor Monostatos seine dunkle, ungeliebte männliche Seite, die er zum Schluss beide aus seinen heiligen Hallen verbannt, dann ist Sarastros Reich in der Tat eine hohle, nur scheinbar gute Welt, und er selbst ein, seine Schattenseiten negierender Gutmensch. So gesehen sind auch die beiden Priester, die Tamino und Papageno auf ihrem Läuterungsweg führen, Vertreter einer hohlen, die animalischen Instinkte verurteilenden Welt. Pamina und Tamino werden in diese heile Welt aufgenommen; ihr liebenswürdigeres Schattenpaar wird ausgeschlossen, darf aber immerhin im „Urwald“ weiterleben.
Wenn wir die ganze Zauberflöte als Sarastros inneres Schauspiel sehen, eröffnet sich vielleicht doch der Raum für neue, unserer Zeit entsprechende Regiekonzepte. Und vielleicht möchte ich die Zürcher Inszenierung, die ich nur vom Fernsehen her kenne, doch nochmals daraufhin ansehen? Ich kann mich auch kaum mehr noch daran erinnern.
* (ehem. Direktor des Opernhauses Zürich, der Staatsoper Wien u.a.)
30. März 2008
> Lebenswandel(n)
Oft - so wie heute - geniesse ich es, den Sonntag mit einem ausgiebigen Aufenthalt in der Badewanne zu beginnen; am liebsten mit einem inspirierenden Buch. Bei der Wahl der Lektüre hat mich diesmal ein Büchlein angelacht, das schon seit einigen Wochen unscheinbar auf meinem Schreibtisch liegt: "Lebenswandeln - Vom guten Umgang mit Veränderung" von Edmond Tondeur, der vor vielen Jahren meinen Wandel vom oft schwerhörigen Solisten zum Kammermusiker ganz wesentlich mit in Gang gebracht hat.
Das kleine Buch ist reich an Gedankenanstössen, und es lohnt, in kleinen Portionen gelesen zu werden; damit nicht die eine Blüte die andere übertönt, bevor die Resonanz der ersten ganz aufgehen konnte. Ich habe auch alte Bekannte getroffen, die ich aber noch nie so gelesen oder gehört habe, wie eben jetzt. Etwa den Anfang eines Gedichts des persischen Mystikers Rumi:
"Achte gut auf diesen Tag,
denn er ist das Leben -
das Leben allen Lebens"
Oder die letzten Verse von Goethe's Gesang der Geister über den Wassern, deren Weisheit mir erstmals so bewusst geworden ist:
Wind ist der Welle
lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
schäumende Wogen.
Seele des Menschen,
wie gleichst Du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
wie gleichst du dem Wind!
Es sind Edmond Tondeurs feinsinnige Texte, von erfahrenem Lebenswandel geprägt, die mich eben für eine neue Tiefe hellhörig gemacht haben. Auf den ersten Blick wenig spektakuläre Sätze, wie diese:
Es kann sich lohnen, das, was Sie gerade tun, einmal in Zeitlupe wahrzunehmen; Schritt für Schritt anzuschauen, wie sich Ihr Leben gerade jetzt an diesem Tag abspielt. Wenn Sie dann, in der Rückschau auf das Beobachtete, sagen können: "Dies war mein Lebenswandel heute", dann begreifen Sie ganz real die Tragweite dieses Satzes. Sie erkennen, dass Sie auf dem Bindestrich zwischen Ihrer Geburt und Ihrem Sterben (denken Sie an Grabsteine!) wieder eine kleine Strecke zurückgelegt haben.
Oder:
Man spricht vom "Lebenswandel" dieser Frau oder jenes Mannes - und rümpft dabei vielleicht die Nase. Aber: Das schönste Kompliment, das ich einem Menschen machen kann, ist, dass er sein Leben wandelnd verbringt. Lustwandelnd, wenn's sein darf, und ebenso, weil unvermeidbar, leidwandelnd.
In seinem Echo auf mein Buch "Eine Welt oder keine" schreibt mir Edmond Tondeur: ... Es geht darum, dass sich jeder und jede dem, was ihm/ihr in der konkreten Lebenssituation als Anfrage (Auftrag) des Lebens begegnet, zur Verfügung hält (und sei es noch so klein, unspektakulär, unbeachtet). Dies begründet, so wie ich es verstehe, eine "Alltags-Mystik", die nicht elitär unterscheidet zwischen den "Grossen Fragen" (z.B. an Konferenzen) und dem "ganz normalen Kleinkram" (in den Wohnstuben). "Mitgefühl" ist in diesem Zusammenhang - das wirst Du kaum anders sehen - ein Schlüsselwort.
Danke, Edmond, für Deine Gedanken, Dein Buch, Dein - wie ich weiss - wirksames Sein!
Den Lesern dieser Zeilen empfehle ich das kleine Büchlein von Herzen!
22. Januar 2008
> Ayurveda in Kalari Kovilakom
Was dies fuer ein Privileg bedeutet, gerade in diesem Land, wo trotz wirtschaftlichen Aufschwungs noch zwei Drittel der Menschen in grosser Armut leben, ist uns sehr bewusst. Natuerlich tragen die hohen Preise, die wir hier zahlen, zur Beschaeftigung vieler Menschen bei. Dass der Trickle-Down-Effekt - das Ankommen des geschaffenen Mehrwerts bei den aermsten Schichten - in Indien noch ueberhaupt nicht im allgemein erwarteten Mass geschieht, ist eine Tatsache, die wohl auch fuer diesen Ort ztrifft, der durch eine florierende Hotelgruppe betrieben wird.
Bei der Lektuere der Zeitungen und im Gespraech mit Menschen wird klar, dass die groesste Wende durch eine bessere Schulbildung auf der alleruntersten Stufe - beim einfachen Lesen und Schreiben - bewirkt werden koennte. Wenn Menschen lernen, sich auszudruecken, wird auch der Druck von unten in Richtung einer gerechteren Verteilung des Wohlstands staerker werden.
Wie sich ein Teil der etablierten Schicht gegen diese Entwicklung wehrt, wurde uns schon beim Zwischenaufenthalt in Dubai - auf dem Flug nach Cochin - klar. Ein in der Schweiz niedergelassener Inder foerdert Schulen fuer die Aermsten in Andra Pradesh, einem Staat Zentralindiens. Er hat damit viel erreicht. 2000 Schueler werden zurzeit in zwei Schulen ausgebildet; die ersten haben die Reife fuers College erreicht. Nach einem Besuch der staatlichen Inspektorin war im Gaestebuch zu lesen: Ich bin enttaeuscht, dass die Kinder hier in Englisch unterrichtet werden. Die verduzte Schulleitung fragte nach, ob sie dies ernst meine und was sie den ihren eigenen Kindern wuensche. Ja, meine Kinder, keine Frage - aber diese? Wer soll den dann unsere Toiletten putzen?
Dies zum Stand der klassenfreien Gesellschaft, die schon Marx und seither viele anderen traeumten. Dazu passt gut, dass ich mir fuer die drei Wochen an diesem privilegierten Ort Ernst Blochs "Das Prinzip Hoffnung" vorgenommen habe. Es geht um die Hoffnung - die Realisierung des Noch-Nicht-Bewussten, des Noch-Nicht-Gewordenen - die wir unbewusst in uns Tragen: Das hoechste vorstellbare Gut.
Schoen, die Vorstellung, dass wir im Unbewussten nicht nur Vergangenheit tragen, sondern auch die Antizipation des "Wohin" der Evolution. Vielleicht koennen wir sie tatsaechlich erst vernehmen - und erst recht umsetzen - wenn wir nicht mehr von den Gespenstern einer verletzten oder sonstwie verdraengten Vergangenheit getrieben werden, und uns deshalb angstfrei dem in uns Seienden zuwenden wollen, das uns zum neuen draengt.
Ich merke, dass mich die Lektuere inspiriert und auch zu neuen Inhalten anregt, die durch mich Form erhalten sollen. Die begonnene Reinigung und Erneuerung scheint nicht nur auf der koerperlichen Ebene stattzufinden.
Soweit fuer heute.