24. Mai 2008

Die USA verzichten nicht auf Streubomben! Wie verhalten sich verantwortliche Weltbürger?

Seit dem 19. Mai treffen sich in Irland Vertreter von über 100 Nationen, darunter Vertreter aller Nato-Länder, mit dem Ziel, eine Vereinbarung über das Verbot von Streubomben abzuschliessen. Wer fehlt, sind die USA, die auch auf ihre Alliierten Druck ausüben: gemeinsame militärische Operationen würden durch ein derartiges Verbot behindert.

Was können eigenverantwortliche Weltbürger tun? Was sind die gewaltfreien Wege, um in keiner Weise an der Förderung dieses Verhaltens teilzunehmen? Schliesslich finanzieren wir die Kriege der USA auf vielfältige Weise mit, denen wir uns nicht immer entziehen können.

Aber wir können auf Reisen in die USA, soweit nicht unumgänglich, verzichten. Wir können Produkte von Firmen umgehen, deren Wurzeln in den USA liegen. Wir können dies die lokale Botschaft der USA wissen lassen. Wir können darüber zu Freunden sprechen - auch zu den US-Amerikanern unter ihnen - und auch in der Öffentlichkeit, sofern wir dazu die Mittel haben.

Natürlich ist es nicht nur das Verbot der Streubomben, wo wir in diesem Sinne aktiv werden könnten. Irgendwann muss die Zivilgesellschaft beginnen, dort durch ihr Verhalten "abzustimmen" wo sie dazu Möglichkeiten hat. Wer ist die Zivilgesellschaft? Wir alle, sich mitverantwortlich fühlenden Weltbürger!

18. Mai 2008

Gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen

In der NZZ vom Wochenende ist ein interessanter Artikel des Philosophen Otfried Höffe erschienen. Der Titel - möglicherweise von der Redaktion gesetzt - "Soziale Verantwortung zahlt sich für Unternehmen aus" und, vor allem, das Bild der beiden Clintons bei der Arbeit in einer Gassenküche wecken in mir allerdings zwiespältige Assoziationen; es kann nicht darum gehen, den äusseren Schein sozialer Verantwortung zur Gewinnsteigerung einzusetzen. Womit nicht gesagt sein soll, dass eine dem Respekt für die Schöpfung entspringende und als eigener Beitrag zum Wohl der Gesellschaft gelebte unternehmerische Verantwortung dem geschäftlichen Erfolg entgegenstehe. Im Gegenteil, wie ich aus eigener Erfahrung weiss; jedoch viel mehr als Resultat auf das Gemeinwohl ausgerichteten wirtschaftlichen Handelns, denn als prioritärer Unternehmenszweck.

Was mir am Artikel gefällt, ist der Versuch einer Übertragung der Selbstverpflichtung in Form des hippokratischen Eids, wie ihn die Ärzteschaft seit jeher kennt, auf die Verantwortung der unternehmerischen Entscheidungsträger. Das erste Gebot hiesse dementsprechend:
"Das Wohlergehen deines Unternehmens sei dein höchstes Gesetz". Dem würde sich das zweite Gebot anschliessen: "Du sollst auf keinen Fall dem Unternehmen schaden." Und weiter das dritte "Du sollst die Hoheit der Eigentümer wahren, den Bestand und die dauerhafte Rentabilität deines Unternehmens sichern, die Rechte und Würde der Mitarbeitenden achten, Verantwortung für die gesellschaftlichen und ökologischen Konsequenzen des unternehmerischen Handelns übernehmen und das Unternehmen nur in ehrlichen und transparenten Transaktionen engagieren."

Das dritte Gebot, das ich bereits in freier Formulierung angepasst habe, wäre - speziell im Hinblick auf die Verantwortung für die gesellschaftlichen und ökologischen Konsequenzen unternehmerischen Handelns - sehr genau anzusehen. Aus einer von den eigenen Interessen und Ängsten ungetrübten Sicht auf die globalen Zusammenhänge, womit wir einmal mehr wieder bei der Verankerung des verantwortlichen Weltbürgers in einer spirituellen Aufgehobenheit wären. Ich sehe sie als Vorbedingung für weltbezogenes, von den vitalen Impulsen und den durch sie ausgelösten Emotionen freies Fühlen, Denken und Handeln.

12. Mai 2008

Integrale Weltbürgerkunde in fünf Schritten

Aus dem eben eingetroffenen Newsletter des Integral Institutes zitiere ich die Ankündigung eines Gesprächs von Ken Wilber mit Jim Garrison, Präsident des 1995 von ihm gemeinsam mit Michael Gorbatschew gegründeten State of the World Forum. Das vollständige Gespräch kann auf der Website des Integral Institute angehört werden. Es sind Gedanken, die mir am Herzen liegen, und die ich - in anderer Form - auch im Buch „Eine Welt oder Keine“ ausgedrückt habe.

"Nobody on this planet goes to bed at night hungry because of lack of food. They go to bed at night hungry because of lack of political ideas, and the lack of political systems to get them the food."

So, finally, we come to the all-important question: "what now?" As Integral thinkers, practitioners, leaders, artists, and activists, it is essential that we live up to a new standard of global citizenship, in which some sort of civic engagement becomes as intrinsic to our personal practice as any meditation, study, or physical exercise. These inner-focused practices must be allowed to come to fruition and find full expression in the world, or else we begin to swallow our own light, rather than sharing it with those who need it most.

Integral Civics in Five Generic Steps

Step 1 - Wake up! Continue to practice, practice, practice, in as many fundamental areas of your life as you can. If our problems demand an Integral response, the Integral response demands your ongoing efforts to enact it. This is arguably the most important step, which is why it is the first step—but it cannot be the only step.

Step 2 - Get informed! If you wish to do something to help the world, then you need to understand what is going on. Find perspectives that you trust, and use the Integral framework to deepen your understanding of these perspectives. While many feel that staying in touch with the news in our sound-byte-driven media can feel like standing on a mountain of marbles, there are indeed sane and stable voices out there, who retain some degree of journalistic integrity. Find those voices.

Step 3 - Interact! Share your perspective with your friends, your family, and your community, Integral or otherwise. Pay attention to where you agree, and where you disagree, while keeping in mind that, from an Integral perspective, everyone is always right—even if some are more right than others. Simply sharing your ideas and values with others helps to further refine and focus your views, especially while keeping an eye out for your own personal and cultural shadows, biases, and blind spots.

Step 4 - Get involved! Decide what level of engagement works for you, whether that means donating a portion of your disposable income to a particular cause or candidate that you resonate with, all the way to taking it to the streets in public protest—of course, at an absolute minimum, if you have any Integral perspective at all, you should be voting!

Step 5 - Wake up! The alpha and omega of Integral civics. You are asleep, and are having a dream. In that dream, millions of people are suffering needlessly. What is the best way to immediately liberate all of these people, to alleviate all of this pain?

Just open your eyes, and wake up. Now.

1. Mai 2008

Radikale Liebe

Heute scheine ich einen radikalen Tag zu haben; liegt es an der besonderen Verbindung von Auffahrt und 1. Mai?

Zuerst erschien mir nochmals die Erinnerung an die Veranstaltung "Forum Weltethos" in Fribourg, deren persönliche Eindrücke ich in meinen Notizen vom 26. und 27. April beschrieben habe. Ist diese Art des aus mythischen Gottesbildern beruhenden interreligiösen Dialogs nicht eine eigentliche Blockierung der Bewusstseinsentfaltung, hin zum eigenverantwortlichen Weltbürger, der aus einer tiefen Liebe zur Schöpfung spürt, wo, wann und in welcher Form sein Beitrag zum Wohl der Gemeinschaft Sinn macht? Der aus seiner inneren Tiefe weiss, dass er als individueller Ausdruck des Einen Seins Teil dieser globalen Gemeinschaft ist und durch sein Fühlen, Denken und Handeln laufend zur kollektiven Bewusstseinsveränderung beiträgt? - Es braucht Menschen, welche dieses Festhalten im ewigen Diskurs um die Unterschiede überschreiten, und beginnen, aus der umfassenderen Einheit zu sehen und zu wirken. Sie werden möglicherweise auf lange Zeit hinaus eine verschwindende Minderheit bleiben, doch kann aus ihrer Vernetzung eine Kraft entstehen, die den individuellen Alltag überschreitet und gesellschaftlich wirksam wird.

Später am noch frühen Morgen habe ich im Internet die Nachricht gefunden, dass Mc Cain und Clinton vorschlagen, während der Sommermonate die Treibstoffabgaben ganz zu suspendieren, damit die Amerikaner trotz der gestiegenen Treibstoffpreise ihren Sommervergnügungen per Auto nachgehen können. Was sind alle die sogenannten ethischen Bekenntnisse wert, wenn sie so schnell und opportunistisch dem eigenen Vorteilsstreben zum Opfer fallen? Und damit allenfalls noch Erfolg haben? Kennen wir dies nicht auch im eigenen Lande?

Am Frühstücksgespräch werden die Gedanken noch radikaler. Die Klientin, die heute ihre mehrtägige Bewusstseinsarbeit abschliesst, hat infolge ihres Medienentzugs nichts von dem schrecklichen Familien- und Vergewaltigungsverbrechen gehört, das in Österreich aufgedeckt wurde. Ich habe andererseits - auch via Internet - gesehen, wie sich nicht nur die ganz Welt entsetzt - zu Recht! - sondern wie nun die Angelegenheit in all' ihren grausigen Aspekten ausgeschlachtet wird. Das Erzählen und Beschreiben führt die Gedanken weiter:
  • Die Monstergeschichte, je grausiger sie sich darstellt, erleichtert es uns, auf den einmaligen Charakter hinzuweisen, und die Sache als etwas wegzuschieben, das mit uns nichts zu tun hat. Das ist anormal, krank etc. Stimmt!
  • Aber ist nicht auch die Förderung der Luftverschmutzung durch die Senkung der Treibstoffabgabe eine Spielart, die Folgen des Handelns für die Gemeinschaft aus dem Bewusstsein wegzuschieben? Und damit noch Wählerstimmen zu gewinnen? - Und wie ist es mit den interreligiösen Diskursen um einen Gott, dessen Wohlgefallen wir verlieren oder gewinnen, während die Gläubigen in ihrer Verblendung sich selbst und die Häuser der andern in die Luft sprengen?
  • Haben wir es nicht in allen drei Fällen mit einer Verstrickung in die Triebe und Emotionen zu tun? So tief, dass sie das Fühlen, Denken und Handeln aus unserem innersten Wissen verschleiern und bestimmen? Unterschiedliche Formen und Schweregrade - durch unsere derzeitigen Strafgesetze erfasst oder auch nicht - des selben Phänomens: Blindheit für die Wirkungen unseres Tuns auf die Gemeinschaft?
Wir tun gut daran, diesen Blick in die eigene Tiefe zu wagen und die Wirkung der unbewussten Vitalkräfte - samt ihren Konditionierungen und Verletzungen - auf unser Fühlen, Denken und Handeln wahr- und anzunehmen. Auf dass wir sie - nicht durch die Mittel von Strafe und Belohnung - durch die unbedingte Liebe und Weisheit des Herzens zum Sprechen bringen und in ihrer geheilten, versöhnten Gestalt als unentbehrliche und hilfreiche Begleiter in dieser Welt gewinnen.

27. April 2008

Aufgeschnappt: "Das höhere Wir"

Eben lese ich die nachfolgenden Sätze in einer Newsletter von "What is Enlightenment" aus dem Kreis von Andrew Cohen. Auch dies eine trans-religiöse Vision eines kollektiven Feldes, aus dem sich ein Weltethos entfalten könnte. Spontan vielleicht, im Augenblick einer genügenden Sättigung des Feldes, zu der wir durch unsere bewusste Teilnahme beitragen?

"Das höhere Wir" ist nicht Statisches. Es ist die gelebte Erfahrung und Perspektive des intersubjektiven Bewusstseinsfeldes, welches zwischen uns entstehen kann, wenn wir jenseits des Egos zusammenkommen. Darin liegt auch das Potenzial für eine völlig neue menschliche Kultur und die Verwirklichung dieses Potenzials braucht unser bewusstes Zusammenkommen auf dieser höheren Ebene.

Wenn wir uns in diesem Feld begegnen, dann begegnen wir uns in dem Einen evolutionären Impuls, der dem ganzen Universum zugrunde liegt. Und gleichzeitig erleben wir eine völlig neue Autonomie und Individualität.

.... und anregend: Forum Weltethos in Fribourg

Die gestrige Erfahrung hat mich weiter beschäftigt. Eben las ich noch in Rüdiger Saffranskis "Romantik". Ich hatte ursprünglich mit dem zweiten Teil, "Das Romantische", begonnen, weil mich Saffranskis Auslegung des Weges aus der Romantik in den Nationalsozialismus speziell interessierte. Heute bin ich im ersten Teil des Buches, "Die Romantik", auf die Visionen Johann Gottfried Herders gestossen. Noch in der Vorahnung der französischen Revolution schrieb Herder: Der Denkart der Nationen bin ich nachgeschlichen, und was ich ohne System und Grübelei herausgebracht, ist: dass jede sich Urkunden bildete, nach der Religion ihres Landes, der Tradition ihrerVäter, und den Begriffen der Nationen: dass diese Urkunden in einer dichterischen Sprache, in dichterischen Einkleidungen, und poetischem Rhythmus erscheinen; also mythologische Nationalgesänge vom Ursprunge ihrer ältesten Merkwürdigkeiten.

Basiert nicht auch die Verschiedenheit der Religionen sowie ihre je verschiedenen Gottesbilder auf den ältesten Merkwürdigkeiten der Ethnien und Völker, wie sie sich auf den unterschiedlichen Wegen aus dem gemeinsamen Ursprung des Homo Sapiens in Ostafrika herausgebildet hatten? Und kann ein Weltethos anders wirksam werden als aus dem Wissen um den gemeinsamen Ursprung der Menschheit: sowohl im physischen Sinne, wie ihn die neuere Genforschung nachzeichnet, als auch im geistigen?

Mit anderen Worten: Kann ein Weltethos lebendig werden, wenn nicht aus einem die ganze Schöpfung umfassenden Mitgefühl?

Mit dieser Frage öffnete ich die Internetseite von Ken Wilbers "Integral naked", mich an eine einfache Einführung in die buddhistische Technik des "Tonglen" erinnernd. Hier die einfachen Anweisungen in knappster Form:
  • Verbinde Dich mit der Erfahrung des Einen Seins (bzw. der Gegenwart des Absoluten oder des Urgrundes in Dir)
  • Bringe dieses Verbundensein in den Körper. Atme die Energie der Aussenwelt durch Dein Herz ein und lasse beim Ausatmen die unbedingte Liebe und Weisheit des einen Seins in die Aussenwelt zurückfliessen
  • Wende Dich nun Deinen eigenen Emotionen zu, atme sie ein, als einen über der äusseren Wirklichkeit liegenden Schleier, und atme die unbedingte Liebe und Weisheit des einen Seins aus. Gib' den Emotionen, die Du durch das Herz einatmest nicht mehr Gewicht als dem Rückfluss von Liebe und Weisheit und hafte nicht am Einen oder Andern mit Deinen Gedanken.
  • Erweitere nach und nach das Spektrum Deiner Wahrnehmung auf die Nächsten, dein Dorf, deine Nation, die Erde, die Schöpfung. Atme den Schmerz oder die Emotionen, die Du wahrnimmar ein und lasse die unbedingte Liebe und Weisheit aus dem einen Sein zurückfliessen.
Tonglen ist nicht auf den buddhistischen Kontext angewiesen; es könnte auch ganz anders genannt werden - und vielleicht wäre dies in einem trans-religiösen Sinne auch gut? Ich weiss auch, dass ich dem Ort und den Ursachen des Schmerzes, der durch Tonglen gewandelt wird, nicht nachzusinnen brauche. Je weiter ich in meiner Vorstellung das Spektrum meines Herzens ausdehnen kann, umso weiter wird das Wirkungsfeld von Tonglen. Und ich erlebe eine Vervielfachung der durch mich fliessenden Kraft, wenn ich mich als eines der Millionen von Wesen vorstelle, welche sich dem Wohl der Menschheit und des Planeten aus dem gleichen oder einem verwandten Geist zuwenden.

So bin ich letztlich für die Erfahrung mit dem Forum Weltethos dankbar! Sie hat mich einmal mehr auf die trans-religiöse Dimension verwiesen, in der nach meiner Empfindung der Schlüssel für die Verwirklichung eines lebendigen und umassenden Weltethos liegt. - Dass der Weg dahin ein langer und wohl auch ein schmerzvoller sein kann, hat mir die Kostprobe des interreligiösen Gesprächs ebenfalls eindrücklich vor Augen geführt. Es sei denn, dass die Kraft des vereinigten Mitgefühls einer wachsenden Zahl bewusster Menschen exponenziell zunehme!

26. April 2008

Ernüchternd: Forum Weltethos in Fribourg

Heute besuchte ich das Seminar „Dialog der Kulturen“ in der Universität Fribourg. Es fand im Rahmen der Veranstaltungen zu Ehren von Hans Küng, dem Initiator des „Projekt Weltethos“, statt, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiert. Trotz den hohen Verdiensten, die dem Jubilar zukommen, hat mich die Veranstaltung in der Uni Fribourg enttäuscht und ernüchtert. Doch der Reihe nach:

„Was du nicht willst, dass man Dir tu, ….“, die goldene Regel also, die Küng als allen Religionen gemeinsamen Grundsatz gefunden hat, wird im „Projekt Weltethos“ in vier Wirkungsbereiche aufgegliedert, welche die wesentlichen Elemente für einen Frieden in dieser Welt – unter den Menschen und mit dem Planeten – beinhalten: Eine wichtige und weltweit anerkannte Grundlage für global bewusstes Denken und Handeln, ein wert- und verdienstvolles Projekt zum Wohl der Weltgemeinschaft.

Unter dem Titel „Dialog der Kulturen“ sprachen eine Frau und zwei Männer als Vertreter der drei monotheistischen Religionen über die jüdische, christliche und islamische Sicht auf das Weltethos; eine Philosophin steuerte kritische Anmerkungen aus ihrer von Vernunft und Klarheit geprägten Sicht bei. Dabei legten die Vertreter der Religionen Zeugnis ab für die Schwächen des interreligiösen Dialogs, indem jede und jeder die Vorzüge des eigenen Glaubens pries; das Licht des einen Geistes, der hinter den unterschiedlichen Offenbarungen leuchtet, vermochte lediglich als eine göttliche, unser Verhalten bewertende Instanz durch zu schimmern. Ein Weltethos also, den eine höhere Macht uns auferlegt? Nicht innerstes „Wollen“, sich ihrer Gestaltungsfreiheit bewusst werdender, eigenverantwortlicher Weltbürger? Aus einer unbedingten Liebe zum Wunder dieser Schöpfung?

„Wie kommen wir – die Einzelnen und die Gesellschaft – vom Sollen zum Wollen bzw. zum Tun ? Wissen wir doch, was es von uns braucht und tun es nicht?“ fragte ich in die Schlussrunde, das noch Fehlende ansprechend, damit aus dem deklarierten Weltethos auch lebendige Wirklichkeit werde.

Die Antworten waren ernüchternd: Die Vertreter/in der monotheistischen Weltreligionen kamen zurück auf ihre Referate, in denen sie sich - in unterschiedlichen Worten - auf einen Gott berufen hatten, dessen Offenbarung diese ethischen Regeln entsprächen und vor der wir am Lebensende Rechenschaft abzulegen hätten; auch von Plus- und Minuspunkten war die Rede, je nach Art der Absicht oder Tat von je unterschiedlichem Gewicht.

Dementsprechend verstanden die Religionsvertreter unter „Sollen“ die Angst vor Verfehlung und Strafe, unter „Wollen“ das Streben nach göttlichem Wohlgefallen. Damit boten sie der sich auf Vernunft statt Metaphysik berufenden Philosophin ein leichtes Spiel. Die Frage, was es brauche, damit der ethischen Deklaration auch vernunftgeleitetes Tun folge, mochte sie allerdings auch nicht beantworten.

Meine unter vier Augen vorgebrachte Frage, ob denn der von ihr angeführte „tugendhafte Atheist“ - wenn er aus innerem ethischen Empfinden wahrhaftig denke und handle - in Wirklichkeit nicht auch „religiös“ sei, wehrte die Philosophin mit der Bemerkung ab, dass damit der Begriff der „Religion“ schwammig und unfassbar würde.

Ginge es heute nicht gerade darum, eine universelle Trans-Religiosität zu finden, die auf der Gegenwart der unbedingten Weisheit im innersten jedes Menschen beruht? Und wäre der Übergang vom „Sollen“ zum „Wollen“ und zum Tun nicht dort zu finden, wo ein Welt-Ethos im innersten der Menschen lebendig wird? – Der Weg dahin scheint noch weit zu sein?

23. April 2008

Freie Liebe - ein Text von Sabine Lichtenfels

Dieser Text von Sabine Lichtenfels, Mitgründerin der Gemeinschaft Tamera in Portugal, hat mich sehr berührt:

GRACE und freie Liebe
(Auszug aus einer frei gesprochenen Rede von
Sabine Lichtenfels auf der Tamera-Sommeruniversität 2007)


Es kann keine freie Liebe geben ohne eine tiefe Anbindung an die Spiritualität.
Wenn mein ganzes Denken geprägt ist von Verlustangst, werde ich immer im Vergleich leben.
Ich werde immer verteidigen und in dem Moment, wo die Angst einsetzt, geht man über in eine Kampfeshaltung. Ich kann aber auch in den tiefen Zustand des Vertrauens eintreten, zurückkehren zu mir selbst, zu der Frage: "Wer bin denn ich?"

Ich kann nur lieben, wenn ich wieder eintrete in diesen Zusammenhang mit der Welt und meine Aufgabe erkenne. Ich muss daran glauben, dass es auch für mich eine Aufgabe gibt.
"Ich bin geliebt."

Hier spürt man, wie viele Jahrtausende von Geschichte wir - wir Frauen und wir Männer - abwerfen müssen, bis wir zu diesem Grundgefühl zurückkehren können: "Ich bin geliebt als sexuelles und sinnliches Wesen von der heiligen Quelle des Lebens."

Ich werde dann auf einmal bemerken, dass meine Freiheit nicht darin besteht, beliebig zu sein, sondern darin, meine Aufgabe zu erkennen und anzunehmen. Ich werde dann auf einmal merken, dass es gar keine privaten Liebesbeziehungen gibt, sondern dass sich alles vor dem Hintergrund eines universellen Geschehens ereignet.

Die Sonne hat ihre Freiheit darin, dass sie scheint. Sie wird nicht morgens erwachen und sagen: "Oh, ich habe keine Lust zu scheinen." Und sie wird sich auch nicht vom Mond erpressen lassen, indem der Mond sagt: "Du darfst nur für mich scheinen." Die Sonne wird ihre göttliche Quelle dadurch erfüllen, dass sie sich verschenkt.

Und das übertragen: Eine Frau, die ihre Verbindung wieder gefunden hat zur göttlichen Quelle und zur Führung wird ihre Liebe dadurch verwirklichen, dass sie lernt zu dienen, achtsam zu sein, wahrhaftig und verschenkend. Auf einmal ist es von großer Bedeutung, wohin mich die Göttin heute führt. Ich werde in das Vertrauen eintreten, das mir sagt, wenn die Göttin eine tiefe Partnerschaft für mich vorgesehen hat, wird sie mich von selbst dahin führen, ich muss keine Erpressungsmanöver unternehmen, um eine Partnerschaft zu erhalten.

In diesem Zustand des Vertrauens frage ich nicht: "Was kriege ich?" Ich trete auch nicht in dieses unersättliche Begehren ein gegenüber dem Mann oder gegenüber der Frau, aus dem Glauben, nie satt zu werden.

Freie Liebe hat nichts mit Konsumverhalten zu tun, sondern dass man weiß: Alles, was mir begegnet, ist göttlich.

21. April 2008

Universelle Spiritualität - Gedankensplitter (2)

Während eines Vortrags für eine Gruppe von deutschen Buchhändlern, am vergangenen Samstag, entwickelte sich in mir spontan eine Abfolge von "Transformations-Scharnieren" auf dem Weg zu einer freien und alltagsbezogenen Spiritualität.
  • In Augenblicken totaler Gegenwärtigkeit kann sich die Tür zu einer zweifellosen Aufgehobenheit im Sein öffnen. Oft schreiben wir diese Erfahrung ungetrübten Glücks den äusseren Umständen zu, die uns für einen Augenblick in ein vollständiges Einvernehmen mit dem Jetzt, in ene absolute Wunschlosigkeit geführt haben. Wenn wir lernen, diese Augenblicke als Seinsfühlungen zu verstehen, können wir ihre Wiederholung jeweils bewusst zulassen und uns darauf einlassen. Durch diese Übung - auch eine Form von Meditation - lernen wir einen Raum der Aufgehobenheit in unbedingter Liebe und Weisheit kennen; die unendliche Liebe, die uns mit einer ewigen Sehnsucht angezogen hat, durch unendlich viele Zwischenhalte und Enttäuschungen in ihrer Natur nach vergänglichen Situationen.
  • Aus dieser Sicht wird ein tiefes Mitgefühl für die Suche aller Menschen - wo immer sie im Augenblick darin stehen - erfahrbar. Ein Mitgefühl für die eigene Begrenztheit und die aller Andern. Mitgefühl auch für die evolutive Entfaltung der Schöpfung und des menschlichen Bewusstseins mit allen Widerständen, Irrungen und Transformationen auf dem Weg: die Entfaltung des Einen durch diese Schöpfung - ein Bild, das mich mit tiefer Liebe für diese Welt in ihrer Schönheit wie in ihrer Zerrissenheit zu erfüllen vermag.
  • Diese Sicht kann uns in ein Verständnis führen für die Aufwallungen unserer unbewussten vitalen und emotionalen Impulse, samt ihren Konditionierungen und Verletzungen, wenn sie von äusseren Ereignissen angeregt werden. Und das Wissen, dass - wenn wir diese Emanationen des Unbewussten ans offene Herz nehmen und sie mit der unbedingten Liebe verbinden - ein Raum der Wandlung entsteht. Ein Raum, der uns eine immer wachsende Freiheit von der menschlichen Bedingtheit durch die vergangenen Epochen der Evolution schenkt. Die Freiheit zu einem vom ungetrübten Herzen geleiteten Denken und Handeln.
Die Verbindung dieser drei Erkenntnisse gibt uns das Potenzial, Herausforderungen, wie sie uns das Alltagsleben laufend präsentiert, aus dem offenen Herzen zu begegnen. Wir verstehen sie als Wachstumschancen, die unser Leben zunehmend reicher machen: jeder Aspekt des Unbewussten, den wir auf diese Weise integrieren können, wird zu unserem Helfer.

Damit die Früchte der drei genannten Erkenntnisse lebendig bleiben, braucht es eine vierte:
  • Die Hingabe an die Eine Quelle, als ein uns umfassendes Du: Die transformative Kraft der unbedingten Liebe, die uns aus der Macht des Unbewussten befreit, sowie die innere, auf die Anforderung des Augenblicks bezogene Führung bedürfen immer wieder der Hingabe an ihre Quelle im Einen Sein, dem Ort unserer tiefsten Aufgehobenheit. Es bedarf grosser Achtsamkeit und unbeirrter Übung, diese Stimme der Einen Liebe und Weisheit von jenen der Wünsche, Ängste und Bedürftigkeiten zu unterscheiden, die mit zur menschlichen Bedingtheit - und damit der Schönheit des Lebens in dieser wunderbaren Welt - gehören.
Die Suche nach den stimmigen Worten geht weiter!

17. April 2008

Schattenspiele: In der Oper wie in der Welt

Aus einem Brief an Claus Helmut Drese*

(Anlässlich eines Besuches in seinem Haus im Blenio-Tal hatten wir uns, insbesondere im Zusammenhang mit den Judenvernichtungen im Deutschland des 2. Weltkriegs und dem gegenwärtigen israelisch-palästinensischen Konflikt, über die Wichtigkeit der Aufarbeitung kollektiver Prägungen unterhalten und sind dabei - wie zufällig - zur letzten Zürcher Zauberflöte gelandet, die wir beide spontan als Entfremdung von Mozarts Oper abgelehnt hatten.)

Gleich wie unsere Diskussion um die Verdrängung von historischen Demütigungen und Niederlagen auf kollektiver Ebene und die Manifestation dieser gemeinschaftlich verdrängten Komplexe im Weltgeschehen, hat mich auch das Gespräch über die letzte Zürcher Zauberflöte nicht losgelassen.

E-Dur – die Tonart von Sarastros Arie „In diesen heiligen Hallen“ – sei eine böse, von Mozart sonst kaum angewandte Tonart, sagt offenbar Nikolaus Harnoncourt. Er nimmt dies als Indiz, Mozart habe Sarastro nicht in der Rolle des weisen und guten Herrschers gesehen, als der er bis jetzt in der Rezeptionsgeschichte der Zauberflöte dargestellt wurde.

Heute, auf der Heimfahrt mit unserem reparierten Auto aus dem Tessin, setzten sich folgende Gedanken zusammen: Wenn wir – im Sinne der Psychologie des Unbewussten – in der Figur der Königin der Nacht Sarastros verdrängte weibliche Seite sehen und im Moor Monostatos seine dunkle, ungeliebte männliche Seite, die er zum Schluss beide aus seinen heiligen Hallen verbannt, dann ist Sarastros Reich in der Tat eine hohle, nur scheinbar gute Welt, und er selbst ein, seine Schattenseiten negierender Gutmensch. So gesehen sind auch die beiden Priester, die Tamino und Papageno auf ihrem Läuterungsweg führen, Vertreter einer hohlen, die animalischen Instinkte verurteilenden Welt. Pamina und Tamino werden in diese heile Welt aufgenommen; ihr liebenswürdigeres Schattenpaar wird ausgeschlossen, darf aber immerhin im „Urwald“ weiterleben.

Wenn wir die ganze Zauberflöte als Sarastros inneres Schauspiel sehen, eröffnet sich vielleicht doch der Raum für neue, unserer Zeit entsprechende Regiekonzepte. Und vielleicht möchte ich die Zürcher Inszenierung, die ich nur vom Fernsehen her kenne, doch nochmals daraufhin ansehen? Ich kann mich auch kaum mehr noch daran erinnern.

* (ehem. Direktor des Opernhauses Zürich, der Staatsoper Wien u.a.)


7. April 2008

Universelle Spiritualität - Gedankensplitter (1)

"Menschen folgen auf Menschen,
und sie erheben die Lüge zur Religion.
Welche Generation könnte sagen,
sie sei im Besitz der wahren Richtung?"


Von wem und woher dieses radikale Zitat stammt? Vom blinden islamischen Dichter al-Ma'arra (973-1058). Er ist in der nordsyrischen Stadt Ma'arra geboren, hat in Aleppo studiert, in Bagdad gewirkt und ist um die Lebensmitte wieder zurück in seine Geburtsstadt gezogen.*
Das Thema einer universellen oder trans-religiösen Spiritualität in einer modernen Formulierung, in der sich allle Religionen und Traditionen wieder finden können, ebenso wie jene, die den Institutionen den Rücken gekehrt haben, steht zur Zeit im Zentrum meines Suchens.
Wenn wir die Religionen und spirituellen Wege wie verschiedenfarbige Laternen sehen (ein Bild, das ich von Frithjof Schuon übernehme**), ist es ein Einziges Licht, das sie alle erhellt. Nur die Farben, hinter denen das Licht leuchtet sind verschieden. Aus dieser Perspektive sind alle Religionen und ihre Wege Zubringer zum Einen.
Mündige Menschen wollen nicht nur vom Einen Licht hören, sondern es erfahren. Darum geht es mir bei meiner Suche, die mich mit vielen Anderen verbindet. Ein Forschungs- und Erkundungsprojekt in Zusammenarbeit mit Vertretern verschiedener Wege ist in Vorbereitung; vielleicht will daraus dann nochmals ein Buch werden. Es wird sich zeigen.
Mehr darüber in loser Folge.

* Abdelwhab Meddeb: Die Krankheit des Islam. Zürich, 2007
** Frithjof Schuon: Von der inneren Einheit der Religionen. Freiburg i.Br., 2007

30. März 2008

> Lebenswandel(n)

Oft - so wie heute - geniesse ich es, den Sonntag mit einem ausgiebigen Aufenthalt in der Badewanne zu beginnen; am liebsten mit einem inspirierenden Buch. Bei der Wahl der Lektüre hat mich diesmal ein Büchlein angelacht, das schon seit einigen Wochen unscheinbar auf meinem Schreibtisch liegt: "Lebenswandeln - Vom guten Umgang mit Veränderung" von Edmond Tondeur, der vor vielen Jahren meinen Wandel vom oft schwerhörigen Solisten zum Kammermusiker ganz wesentlich mit in Gang gebracht hat.

Das kleine Buch ist reich an Gedankenanstössen, und es lohnt, in kleinen Portionen gelesen zu werden; damit nicht die eine Blüte die andere übertönt, bevor die Resonanz der ersten ganz aufgehen konnte. Ich habe auch alte Bekannte getroffen, die ich aber noch nie so gelesen oder gehört habe, wie eben jetzt. Etwa den Anfang eines Gedichts des persischen Mystikers Rumi:

"Achte gut auf diesen Tag,
denn er ist das Leben -
das Leben allen Lebens"

Oder die letzten Verse von Goethe's Gesang der Geister über den Wassern, deren Weisheit mir erstmals so bewusst geworden ist:

Wind ist der Welle
lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
wie gleichst Du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
wie gleichst du dem Wind!

Es sind Edmond Tondeurs feinsinnige Texte, von erfahrenem Lebenswandel geprägt, die mich eben für eine neue Tiefe hellhörig gemacht haben. Auf den ersten Blick wenig spektakuläre Sätze, wie diese:

Es kann sich lohnen, das, was Sie gerade tun, einmal in Zeitlupe wahrzunehmen; Schritt für Schritt anzuschauen, wie sich Ihr Leben gerade jetzt an diesem Tag abspielt. Wenn Sie dann, in der Rückschau auf das Beobachtete, sagen können: "Dies war mein Lebenswandel heute", dann begreifen Sie ganz real die Tragweite dieses Satzes. Sie erkennen, dass Sie auf dem Bindestrich zwischen Ihrer Geburt und Ihrem Sterben (denken Sie an Grabsteine!) wieder eine kleine Strecke zurückgelegt haben.

Oder:

Man spricht vom "Lebenswandel" dieser Frau oder jenes Mannes - und rümpft dabei vielleicht die Nase. Aber: Das schönste Kompliment, das ich einem Menschen machen kann, ist, dass er sein Leben wandelnd verbringt. Lustwandelnd, wenn's sein darf, und ebenso, weil unvermeidbar, leidwandelnd.

In seinem Echo auf mein Buch "Eine Welt oder keine" schreibt mir Edmond Tondeur: ... Es geht darum, dass sich jeder und jede dem, was ihm/ihr in der konkreten Lebenssituation als Anfrage (Auftrag) des Lebens begegnet, zur Verfügung hält (und sei es noch so klein, unspektakulär, unbeachtet). Dies begründet, so wie ich es verstehe, eine "Alltags-Mystik", die nicht elitär unterscheidet zwischen den "Grossen Fragen" (z.B. an Konferenzen) und dem "ganz normalen Kleinkram" (in den Wohnstuben). "Mitgefühl" ist in diesem Zusammenhang - das wirst Du kaum anders sehen - ein Schlüsselwort.

Danke, Edmond, für Deine Gedanken, Dein Buch, Dein - wie ich weiss - wirksames Sein!
Den Lesern dieser Zeilen empfehle ich das kleine Büchlein von Herzen!

28. März 2008

> Das Sri Yantra und der Stern Davids: Verbundenheit im ewigen Augenblick


Im Januar, während meiner Indienreise, habe ich meine spontane Schau von zwei Dreiecken beschrieben, die sich schliesslich in einer Figur verschränkten, ähnlich dem indischen Sri Yantra (Symbol für das Göttliche) und dem Stern Davids (Symbol des Judentums). Gestern sprach mich Annette Kaiser darauf an und fragte nach meinem Verständnis dieses Diagramms. Meine Verdeutlichungen habe ich in aufrechter Schrift in den kursiv dargestellten Textauszug hineingestellt.

Ob diesem Frieden lacht mir das Herz, dessen Waerme ich schon beim Fruehstueck gespuert habe, als ich einem anderen Gast von meiner beglueckenden Arbeit erzaehlte; und ich weiss, dass diese Herzenswaerme meiner innersten Quelle entspringt. Nun ist es, wie wenn die ganze Welt um mich, auch von dieser Herzenswaerme erfuellt waere: wo ich hinschaue, schwingt es mir so entgegen. Das ist die Basis eines imaginaeren Dreiecks: die Resonanz des Einen in meinem Herzen am einen, die Resonanz des Einen in der Umwelt am anderen Ende. Und darueber die Spitze: der eine, ungeteilte Urgrund. Und wieder saugt mich die Erfahrung unwiderstehlich in sich hinein. Ich bin alle drei zugleich, kann vom einen ins andere wechseln oder ganz im Dreieck sein.
Die Herzverbindung von Innen- und Aussenwelt bildet die Basis des Dreiecks, das Eine die Spitze.

Dann mache ich mich auf den Abstieg von der Huegelspitze und setze mich etwas weiter unten nieder. Auf den bequemen Baenken unter schattigen Baeumen, ein Aussichtsplatz, der wohl vor vielen Jahren von entdeckungsfreudigen Englaendern angelegt wurde. Wie ich so vor dem alten Tisch sitze und auf die Tischflaeche sehe, tritt mir ein weiteres Dreieck vor Augen. Wieder die gleiche Horizontale: vom Herzen in mir zum Herzen in der Welt, doch diesmal ist seine Spitze nach unten gerichtet. Das Bild meint die Ausrichtung dieser inneren Verbundenheit auf den aktuellen Augenblick, auf das Denken und Handeln in der Gegenwart.
Bei diesem, auf dem Kopf stehenden Dreieck bildet wieder um die Herzverbindung zwischen aussen und innen die Basis; die nach unten gerichtete Spitze meint das JETZT in der dualen Welt unseres Alltags.

Schliesslich verschiebt sich das nach unten ausgerichtete Dreieck nach oben, so dass das Bild zweier ineinander verschraenkter Dreiecke entsteht: eines zeigt mit der Spitze nach oben, das andere nach unten. In Indien ist das Bild als Shri Yantra bekannt; wir kennen es auch als Davidsstern. Es wird fuer mich von nun an eine neue, von eigener Erfahrung getrankte Bedeutung haben.
Wenn sich die Dreiecke ineinander verschränken - wie eben im Sri Yantra oder im Davidstern - steht dies für mich als Gleichzeitigkeit der Ausrichtung auf das ewige, unendliche Eine und den gegenwärtigen Augenblick in der dualen Welt. Ein Symbol für das Leben aus dem Einen in der Gegenwart: ewiger* Augenblick!

(*Ewig: nicht im zeitlichen Sinn - Chronos - verstanden, sondern eben als mit der Ewigkeit verbundener Augenblick)

22. März 2008

> Leading from the future as it emerges

Synchronizität: Kurz nach meinem letzten Eintrag (19. März 2008) zum Thema “Ent-scheiden" aus verschiedenen Bewusstseinsebenen, bin ich auf eine sehr schöne Beschreibung schöpferischen Handelns aus der gegenwärtigen Verbundenheit mit dem Feld der emergierenden Zukunft gestossen. Dies im neuen Buch „Theory U“ des am MIT in Boston wirkenden deutschen Organisationsentwicklers Otto C. Scharmer: eine inspirierende Anleitung zur Kreativität aus dem schöpferischen Urgrund - zum Wohle des Ganzen, praktische Spiritualität ohne jeden Weihrauch.
(Theory U. Leading from the Future as it Emerges. Cambridge, Mass., USA, 2007)

To deal with the enormous institutional challenges of our time, organizations and larger Systems need to embrace and activate a superior governance mechanism: seeing and operating from presencing the emerging whole.

• Think of a master educator who looks at her Student, who is at one with her and the presence of her highest future potential, and then acts very quickly in ways that help the Student to progress on her journey of realizing that Potential.
• Or think of a farmer who takes a walk in his field on Sunday and who uses that as a mechanism to establish a direct connection to the living presence of his fields and then tries to tune into what that living ecosystem wants him to do next.
• Think of a physician who takes into account not only the technical-scientific aspects of her patient-physician relationships, but also the deeper mental, social, and spiritual layers of those relationships, connecting to the authentic presence of each patient’s self, and then starts to act from that, trying to be in service of that authentic self.
• Think of leaders who, like Mahatma Gandhi or Nelson Mandela, have operated by connecting with a much larger collective field and who through their actions began operating from the presence of that collective field, serving as a vehicle for the best future possibility of that field to come into being.
• All of these examples are performed by individuals. But the fundamental challenge of our time is to learn to do exactly the same thing: operate from the presence of the evolving whole - collectively, not just individually. Almost all of the major challenges of our time require us to operate this way. Yet we haven’t yet learned how to do it.

19. März 2008

> Entscheiden: rational, integral, spirituell (B)

Mein letzter Eintrag liegt schon mehr als einen Monat zurück. Viel ist in dieser Zeit geschehen. Zuletzt ein Vortrag zur seelischen Gesundheit von Wirtschaft und Gesellschaft in Berlin sowie wertvolle Gespräche dort und auf dem Heimweg - per Bahn - in Fulda und Mannheim.

Heute fand ich in der Post den Brief eines Freundes, der eben eine für sein Leben wesentliche Entscheidung getroffen hat. Es ist nicht zum ersten Mal, dass er davon spricht, dass wir im Leben nicht umhin kommen, erst zu prüfen und dann zu entscheiden.

Als ich dieses Wort erneut las, sah ich drei Bewusstseinsebenen vor mir - im Sinne der Gedanken von Jean Gebser oder Ken Wilber - sowie drei Wirkungsweisen von umgesetzten Intentionen, je nach ihrem Zustandekommen:
Auf der rationalen Ebene prüfen wir Handlungsoptionen und entscheiden uns für die eine oder andere. Die gewählte erhält die gesamte Verwirklichungsenergie; die anderen gehen leer aus. Wie beschränkt diese Entscheidungsweise ist, sehen wir, wenn wir uns vorstellen, dass alle Handlungsoptionen Menschen mit involvieren, von denen dann einige leer ausgehen.

Aus der integralen Sicht verstehen wir den Sinn des Wortes "ent-scheiden", im Sinne von vereinigen oder ganz machen. Am plakativen Beispiel von Kommunismus und Kapitalismus: Können wir die besten Seiten beider Möglichkeiten in ein neues Ganzes, auf einer umfassenderen Ebene integrieren? Den Aspekt der Solidarität des Kommunismus, verbunden mit Initiative und Kreativität des Kapitalismus? Und könnte daraus nicht ein neues, die Menschen vereinigendes Potenzial entstehen? Evolution des Bewusstseins?

Aus der spirituellen Ebene wird sich die Frage nochmals anders stellen: Sind wir mit dem Seinsgrund - der Quelle unserer tiefsten Weisheit und Liebe - verbunden, werden wir unmittelbar erkennen und verstehen, was die jeweilige Situation von uns braucht. Sehen, erkennen, verstehen, handeln: keine Fragen. Dabei wird klar, dass die Zweifel, die uns zum entscheiden oder ent-scheiden zu zwingen scheinen, aus unseren eigenen Befürchtungen und Wünschen stammen. Sind sie erst einmal aufgelöst, liegt die Situation mit ihrem allfälligen Handlungsbedarf offen da; ohne wenn und aber.

17. Februar 2008

> Gemeinschaftliche Mit-Verantwortung

Seit einer Woche sind wir – schlank und rank - wieder aus Indien zurück. Als Ankündigungstext für einen Vortrag in Bern schrieb ich heute diese Notiz:
„Vermögen wir in den alarmierenden Zuständen auf unserem Planeten – Umweltzerstörung, Ressourcenmangel, Spaltung zwischen Arm und Reich, Krieg, Terrorismus –die dringliche Aufforderung zum Evolutionssprung in eine globale Verantwortung zu sehen? Ein friedliches Zusammenleben der Menschheit mit sich selbst und mit einer lebenserhaltenden Umwelt ist nur denkbar, wenn im kollektiven Bewusstsein das Wohlergehen der Weltgemeinschaft vor alle Einzelinteressen und Machtbedürfnisse tritt.
Diese integrale Sichtweise, und erst recht die Schritte zu ihrer Verwirklichung durch ein wachsendes Netz angstfreier und eigenverantwortlicher Weltbürger, bedürfen der inneren Verankerung: in einer trans-religiösen Spiritualität. In einem erfahrenen Wissen um den Urgrund allen Seins, wo sich Menschen aus den verschiedenen Religionen, Traditionen sowie (Nicht-)Wegen, befreit von brüchigen und trennenden Glaubenssätzen begegnen können.“

Der Kommentar „Wenn der Staat die Moral zersetzt“ in der Online-Ausgabe der NZZ sowie ein Teil der Leserzuschriften passen schlecht zur Sicht einer durch die Einzelnen mit zu tragenden gesellschaftlichen Verantwortung: Den Steuergesetzen die Schuld für die Unehrlichkeit so genannt rechtschaffener Leute zuzuschieben, ist nicht anders, als die Marktwirtschaft für die unbezähmbare Gier mancher Manager verantwortlich zu machen – oder das Sozialsystem für die Rentenbetrüge.
Offensichtlich sind die einst bewährten Grundsätze der Moral gegenüber den Verlockungen durch Geld und Macht brüchig geworden. Diesen Zerfall der moralischen Regelkraft als Zeichen der Bewusstseinsevolution zu begrüssen, stösst noch auf vielfaches Unverständnis: Doch sehen wir jenseits eines konventionell bestimmten Gut-Seins nicht auch das Potenzial einer inneren Wahrhaftigkeit und des Respekts für das Wohl der Gemeinschaft? Für diejenigen, welche für diese grössere Freiheit noch nicht bereit sind, braucht es nach wie vor demokratisch legitimierte Gesetze und ihre Durchsetzung. Es ist wohl kein Zufall, dass diejenigen, welche den deutschen Steuerbehörden ihr forsches Vorgehen vorwerfen, den Einsatz von Detektiven gegenüber unehrlichen Empfängern von Sozialhilfe und Invalidenrenten befürworten; obwohl – wohl auch in der Schweiz – dem Staat an der Steuerfront durch Unehrlichkeit mit grösster Wahrscheinlichkeit wesentlich mehr Geld entgeht.
Das bringt mich zu den in der Schweiz bevorstehenden Volksabstimmungen über Steuerreformen: Es lohnt sich, gut zu überlegen und nachzuspüren, wem diese Neuerungen zugute kommen und was sie für das gemeinschaftliche Wohl in unserem Lande bedeuten.

4. Februar 2008

> Blick aus der Ferne

Auch in Kolengode, einem abgelegenen Staedtchen im Osten Keralas, dringen die Nachrichten recht schnell durch. Dank den indischen Zeitungen, einerseits, aber auch durch den dreimal taeglich auf meinem Blackberry eintreffenden Newsletter des Tagesanzeigers. So komme ich dazu, an diesem wunderbaren Ort auch ueber sehr weltliche Aspekte nachzudenken:

Google publiziert fuer 2007 einen markant angestiegenen Umsatz und einen um 15% erhoehten Gewinn; und doch stuerzt der Aktienkurs ab um fast 10 Prozent. Die Finanzanalysten haben offensichtlich noch mehr erwartet und die Kurse bereits im voraus entsprechend steigen lassen. Nun fallen sie wieder.

Erfolgreiche Unternehmen geraten durch die Erwartung ewigen Wachstums in die Versuchung, ihre Akteinkurse durch optimistische Prognosen zu steigern und schaffen sich so den Druck, die geweckten Erwartungen um jeden Preis erfuellen zu muessen. Erfolgsserien sind gefaherlich, denn sie treiben die Erwartung, dass die Gewinner noch immer mehr Gewinn schaffen erbarmungslos an. Verwaltungsrat und Management sind in diesem Spiel jedoch nicht nur die Opfer der Finanzspezialisten und Spekulanten: in der Hoffnung auf noch hoehere Bonuszahlungen treiben sie vielerorts das Spiel wacker mit an und auf die Spitze.

Einmal auf den Geschmack des quellenden Geldflusses gekommen, liegt die Versuchung nah, das Geschaeftsvolumen, gelte es was es wolle, weiter aufzublaehen. Die Risiken und Nebenfolgen treten dabei in den Hintergrund.

So kam es, nicht nur bei der UBS, zu Fehlspekulationen, die bei nuechterner Betrachtungsweise niemals haetten auftreten koennen. Seit Monaten, wenn nicht seit Jahren wurde in der Presse auf die wachsenden Risiken der zu hohen Hypothekarbelastungen von Millionen Liegenschaften in den USA hingewiesen; vor allem auf die Tatsache, dass die Zins- und Amortisationszahlungen seitens der Hausbesitzer im Falle einer Zinserhoehung gefaehrdet sein wuerden, und dass dann eine Lawine von Zahlungsunfaehigkeit und Preiszusammenbruechen die Folge waere. Obwohl auch die Zinserhoehungen seit laengerer Zeit zu erwarten waren, wurden nicht nur weiter in unverantwortlicher Weise Hypotheken gewaehrt; Grossbanken wie die UBS, investierten in so hohem Ausmass in gefaehrdete Schuldzertifikate, dass beim schliesslich eintretenden Erdbeben Milliardenverluste entstanden. Sie werden nun von den Aktionaeren bezahlt; in Form von Kursverlusten und durch die Verduennung des Substanzwerts als Folge der neu ausgegebenen Aktien. Zu den indirekten Aktionaeren gehoeren alle Versicherten der Vorsorgewerke, die Aktien der UBS in ihren Portfolios fuehren – und das duerfte die Mehrzahl der erwerbstaetigen Bevoelkerung sein.

Die oeffentliche Meinung erwartet im Falle der UBS, dass fuer 2007 die Bonuszahlungen an Verwaltungsrat und Management ausfallen wuerden. Das ist allerdings keineswegs sicher und wird moeglicherweise fuer die Aktionaere auch nicht im Detail nachvollziehbar sein. Umso stossender empfinde ich die Aeusserung eines Chefbeamten des Zuercher Steueramts, der – im Hinblick auf die Steuereinnahmen – hofft, dass nach dem Ausfall eines steuerbaren Gewinns nicht auch noch die Boni gekuerzt werden.

Was muss wohl geschehen, bis sich ein gesellschaftlicher Konsen durchsetzt, dass finanzielle Vorteile nicht zulasten Anderer erzielt werden duerfen und ruecksichtsloses Eigennutzdenke gesellschaftlich geaechtet wird: mit den entsprechenden Gesetzgeberischen Konsequenzen.

30. Januar 2008

> Regeneration auf allen Ebenen

Unsere Ayurveda-Kur geht jetzt in ihre dritte Woche. Ich fuehle mich immer mehr bei mir selbst angekommen. Heute Vormittag bekam ich zum dritten Mal in der Folge eine wunderbar sanfte Behandlung: Waehrend ich ausgestreckt auf einem massiven Holztisch liege - leicht bombiert gegen die Mitte zu, tiefer an den Raendern und gegen das Fussende, damit das Oel abfliessen und erneut angewendet werden kann - werde ich in verschiedenen Koerperlagen - auf dem Bauch, auf dem Ruecken und seitlich liegend, sowie sitzend - ganz langsam mit gewaermtem, mit Heilkraeutern waehrend Tagen zubereiteten Oel uebergossen. Synchron tauchen die beiden ihre Stofflappen ins Oelbecken und pressen ihn so aus, dass waehrend ihren Bewegungen ueber Leib und Glieder ein feiner, gleichmaessiger Strahl der kostbaren Essenz fliesst.

Ich kann mich waehrend dieser Stunde voellig dem Fluss des Geschehens uebergeben. Ich spuere, wie meine Sinne, meine vitale Koerpenergie angesprochen werden; geniesse das Gefuehl der Waerme, wie es meinen ganzen Koerper umgibt und mit der Zeit durchflutet. Die Gedanken kommen zur Ruhe und ganz leise und immer mehr kommt das Herzzentrum, der Energiewirbel hinter der Stirn zum schwingen; zuletzt bildet sich gleich einem Sennenkaeppi das Scheitelzentrum als zaertlicher Schirm ueber mir aus. Schoener koennte es nicht sein - zumindest weiss ich (noch?) nichts davon.

Es wird mir bewusst, wie dieser Ort eine stimmige Komposition bildet, wo dieses Werden von allen Seiten her angeregt wird: durch die abgestimmten Behandlungen, durch die als Heilmittel betrachtete, gleichwohl koestliche Ernaehrung, durch das harmonische Ambiente, gestuetzt durch Yoga und Meditation. Ein Ort der Entschlackung und Erneuerung auf allen Ebenen.

Gestern las ich bei Ernst Bloch ueber Karl Marx's Vision einer Wirtschaft im Einklang mit der Natur. Eine Wirtschaft, die auf dem natuerlichen Werden und Vergehen der Stoffe beruht; die was sie nimmt in lebensfoerdernder Form wieder zurueckgibt. So dass menschliche und natuerliche Evolution wieder gemeinsam gehen. Ob wir von der Quantenphilosophie her denken oder aus der spirituellen Erfahrung: Das allumfassende Potenzial oder der gemeinsame Urgrund, dem alle Manifestationen - Natur wie Mensch - entspringen ist Alles.

Unwirkuerlich muss ich dabei auch an Michael Braungart und seine schon sehr ins praktisch gediehenen Visionen fuer eine lebensfoerdernde Produktionsweise denken. Ich habe davon in "Eine Welt oder keine" mehr geschrieben. Wir werden - wenn wir wirklich darauf fokusieren - immer mehr Produkte so produzieren, dass sie nach ihrer Lebenszeit kompostiert - der Natur als Wert zurueckgegeben werden - oder aber in ihrer urspruenglichen Qualitaet wieder erneut eingesetzt werden: In Gebrauchsartikeln, aber auch im Bauwesen. Da liegt eine Hoffnung.

Die gesellschaftliche Frage - die der Gewaehrleistung eines Lebens in Wuerde und Freiheit fuer alle Menschen - ist damit noch nicht beantwortet. Aber vielleicht wird sie von da aus leichter fallen?

27. Januar 2008

> Stille

Es ist wenig zu berichten. Die Behandlungen sind intensiv und machen auf eine wohlige Art muede. Die durch verschiedene Massagen - heisse Kraeutertampons und Wasser-/Oelguesse, Oelinfusionen in die Nebenhoehlen - erzeugte innere Hitze wird durch die warme Lufttemperatur nicht abgekuehlt. So koennen die heilenden Essenzen wirken. Der Tag beginnt mit einem Warm/up, gefolgt von einer Stunde Hatha Yoga um sechs Uhr frueh.

Nach dem Fruehstueck folgen Arztkonsultation und Massage sowie eine Stunde Yoga Nidra (ein inneres Yoga in aeusserer Bewegungslosigkeit), schliesslich Mittagessen und am fruehen Nachmittag wieder eine Massagesitzung, die gut anderthalb Stunden dauert. Den restlichen Nachmittag bis zum fruehen Abendessen verbringe ich mit Lesen: abwechselnd Ernst Blochs Prinzip Hoffnung und leichtere Kost aus der vielfaeltigen zeitgenoessischen Literatur des Landes. Es ist kaum zu glauben: dieser Tagesablauf ist so beanspruchend, dass ich oft Muehe habe, die zum Lesen notwendige Konzentration aufzubringen. So darf denn auch Traeumen und Wegschweifen in die inneren Bilder sein.

Fuer viele Mitgaeste scheint die aeussere Inaktivitaet und Stille schwierig zu ertragen. Das rastlose Hirn laeuft weiter und sucht seinen Ueberlauf im Geschwaetz. Fuer uns am schwierigsten zu ertragen sind die gemeinsamen Mahlzeiten auf der wunderschoenen Veranda, wo die immergleichen Geschichten - woher man komme und wo ueberall man schon gereist sei und was man dort gegessen habe - die Stille zerstoeren. Unser Versuch, eine Stille Ecke auszusuchen, wo wir ungestoert essen koennen, wurde rasch vereitelt: Kaum hatten wir uns da eingerichtet, sammelten sich die gespraechigsten Kurgenossen in unserer Naehe.

Erinnerungen tauchen auf, an unsere ersten Ashram-Aufenthalte, wo ich auch zu jenen gehoerte, deren pausenlose Gedankenproduktion sich in mehr oder weniger klugen spirituellen Spekulationen oder auch nur einfachem Klatsch den Ueberlauf suchten. Ich war ziemlich betroffen, als dies im Rahmen einer Morgenveranstaltung oeffentlich missbilligt wurde.

Heute frueh, einige Minuten vor Beginn der ersten Yogarunde, als die noch dunkle Halle bereits wieder mit Stimmen angefuellt war, habe ich den Mut gefasst und fuer alle vernehmlich darum gebeten, die Stille des noch reinen Morgens zu wahren. Vielleicht hat das gewirkt: Beim Mittagessen war's ruhiger als zuvor.

Ist Toleranz mehr als gewaehren lassen und ertragen? Ich glaube schon

25. Januar 2008

> Unbedingte Liebe:Vom Fehlenden zum "Noch-Nicht"

Ist Dankbarkeit nicht auch zugleich Liebe fuer das Gegenwaertige, so wie es ist, jetzt? Im Sinne von Anerkennung einer groesseren Liebe, die uns meint? Und wenn wir diese Liebe erkennen und annehmen, nimmt ihr Fluss zu.

Im Licht dieses Flusses kann sich Mangelndes in ein „Noch-Nicht“ wandeln. Ein "Noch-Nicht, das in sich das Potenzial des Vollkommenen traegt. Die Entfaltung dieses "Hoechsten Gutes" ist Teil der individuellen und als Folge davon der kollektiven Bewusstseinsevolution.

Indem wir uns im Bewusstsein der uns umfassenden Weisheit und Liebe diesem „Noch-Nicht“ zuwenden, werden sich die jetzt zur Entfaltung anstehenden Impulse offenbaren; an uns ist es dann, ihnen die zur konkreten Manifestation in unserem Leben erforderlichen Denk- und Handlungskraefte zu verleihen.

Wenn sie echtes Novum sind, uebersteigen die Impulse aus dem „Noch-Nicht“ unsere Erwartungen; denn sie kommen aus einem weiteren Spektrum als der durch Mangel und Beduerftigkeit verengten Perspektive.

Als ich vor Jahren die tiefe Erfahrung machte, dass alle Sehnsucht nach aeusserer Aufgehobenheit immer das Ankommen in der Einen Liebe und Weisheit meint, wurde mir auch klar, dass der lange und beschwerliche Weg durch die notwendigerweise vergaenglichen Sicherheiten - samt Enttaeuschung und Schmerz bei deren Untergang - mit dazu gehoerte. In der Stille dieser Tage habe ich eine neue Sehnsucht erfahren: den Fluss dieser Liebe in das Leben hinein offen zu halten. Und dabei Fehlendes, unvollkommen erscheinendes als „Noch-Nicht“ mit der Tendenz hin zum darin angelegten Vollkommenen zu erkennen.

Ist unbedingte Liebe anders moeglich?

22. Januar 2008

> Ayurveda in Kalari Kovilakom

Seit bald einer Woche sind wir in Kolengode, in der Naehe von Palakad, nahe beim Uebergang von Kerala zu Tamil Nadu. Die nicht nur angenehme erste Reinigungsphase der Ayurveda/Kur geht langsam zu Ende. Der Ort hier ist wunderbar. Nicht nur die Anlage der Gebaeude in einem riesigen gruenen Garten, sondern auch die Zuwendung, die wir hier geniessen, von den Aerzten, Masseusen und Masseuren bis zur taeglich den individuellen Gesundheitsbeduerfnissen angepassten, koestlichen Kueche.

Was dies fuer ein Privileg bedeutet, gerade in diesem Land, wo trotz wirtschaftlichen Aufschwungs noch zwei Drittel der Menschen in grosser Armut leben, ist uns sehr bewusst. Natuerlich tragen die hohen Preise, die wir hier zahlen, zur Beschaeftigung vieler Menschen bei. Dass der Trickle-Down-Effekt - das Ankommen des geschaffenen Mehrwerts bei den aermsten Schichten - in Indien noch ueberhaupt nicht im allgemein erwarteten Mass geschieht, ist eine Tatsache, die wohl auch fuer diesen Ort ztrifft, der durch eine florierende Hotelgruppe betrieben wird.

Bei der Lektuere der Zeitungen und im Gespraech mit Menschen wird klar, dass die groesste Wende durch eine bessere Schulbildung auf der alleruntersten Stufe - beim einfachen Lesen und Schreiben - bewirkt werden koennte. Wenn Menschen lernen, sich auszudruecken, wird auch der Druck von unten in Richtung einer gerechteren Verteilung des Wohlstands staerker werden.

Wie sich ein Teil der etablierten Schicht gegen diese Entwicklung wehrt, wurde uns schon beim Zwischenaufenthalt in Dubai - auf dem Flug nach Cochin - klar. Ein in der Schweiz niedergelassener Inder foerdert Schulen fuer die Aermsten in Andra Pradesh, einem Staat Zentralindiens. Er hat damit viel erreicht. 2000 Schueler werden zurzeit in zwei Schulen ausgebildet; die ersten haben die Reife fuers College erreicht. Nach einem Besuch der staatlichen Inspektorin war im Gaestebuch zu lesen: Ich bin enttaeuscht, dass die Kinder hier in Englisch unterrichtet werden. Die verduzte Schulleitung fragte nach, ob sie dies ernst meine und was sie den ihren eigenen Kindern wuensche. Ja, meine Kinder, keine Frage - aber diese? Wer soll den dann unsere Toiletten putzen?

Dies zum Stand der klassenfreien Gesellschaft, die schon Marx und seither viele anderen traeumten. Dazu passt gut, dass ich mir fuer die drei Wochen an diesem privilegierten Ort Ernst Blochs "Das Prinzip Hoffnung" vorgenommen habe. Es geht um die Hoffnung - die Realisierung des Noch-Nicht-Bewussten, des Noch-Nicht-Gewordenen - die wir unbewusst in uns Tragen: Das hoechste vorstellbare Gut.

Schoen, die Vorstellung, dass wir im Unbewussten nicht nur Vergangenheit tragen, sondern auch die Antizipation des "Wohin" der Evolution. Vielleicht koennen wir sie tatsaechlich erst vernehmen - und erst recht umsetzen - wenn wir nicht mehr von den Gespenstern einer verletzten oder sonstwie verdraengten Vergangenheit getrieben werden, und uns deshalb angstfrei dem in uns Seienden zuwenden wollen, das uns zum neuen draengt.

Ich merke, dass mich die Lektuere inspiriert und auch zu neuen Inhalten anregt, die durch mich Form erhalten sollen. Die begonnene Reinigung und Erneuerung scheint nicht nur auf der koerperlichen Ebene stattzufinden.

Soweit fuer heute.

13. Januar 2008

> Multidimensionale Tempelrituale III (Fortsetzung)

Die Erfahrung der abendlichen Rituale im Tempel von Vishnus Loewengestalt ist mir buchstaeblich durch Mark und Bein gegangen. Die Erfahrung ist jetzt – einige Tage danach – gegenwaertig. Die Erinnerung an das anhaltende Laeuten der hellen Tempelglocke, die Rezitation der Mantren, die streng ritualisierten Gesten des Brahmanen, dies alles, umgeben von den betoerendsten Raeucherdueften und getragen von der Hingabe einer dicht gedraengten Menge von Glaeubigen, wirkt noch immer wie ein Sog in ein anderes Koerper- und Gefuehlsbewusstsein. Es ist ein magischer, durch ein suggestives Gewebe von uralten Mythen erhoehter Zustand.

Wer in der integralen Bewusstseinsebene – im Sinne von Ken Wilbers innerer Landkarte – beheimatet ist, mag hier die Haltung des inneren Beobachters einnehmen, der den kontrollierenden, rationalen Geist zurueckzutreten und zu schweigen heisst, um die Lebendigkeit der magischen und mythischen Erfahrungsebenen ganz zuzulassen; sie sind Teil unserer Vergangenheit, sowohl des einzelnen Menschen wie auch der Menschheit. Der rationale Geist wird spaeter zum Zuge kommen, wenn es darum geht, den inneren Erfahrungen die ihnen angemessenen Worte zu verleihen.

In dieser Betrachtung seiner inneren Tiefe wird der sensible Beobachter auch die ihn umgebende Dimension der Ewigkeit wahrnehmen koennen: unbewegtes, unbegrenztes Sein, dessen Urgrund alle Manifestationen, der ganze Kosmos, entspringen. Sich diesem ewigen Sein so anzuvertrauen, dass sich unversehens die Trennung zwischen dem Beobachter und dem Urgrund aufloest: das ist die mystische Erfahrung der nondualen Einheit, jenseits aller Gegensaetze.

Ist es vermessen anzunehmen, dass wir uns aus dieser Warhnehmungsfaehigkeit und mit dem Respekt fuer die verschiedensten Formen von Glaeubigkeit auf die religioesen Rituale aller Kulturen einlassen, sie mitvollziehen und sie in einer sprachlosen Weise auch verstehen koennen? Im Sinne einer trans-religioesen, die verschiedenen Formen ueberschreitenden Weise, und ist dies nicht der Weg zum Frieden zwischen den Religionen und Kulturen? Ein Weg der Achtung fuer die Verschiedenheit der Wege und Formen, wie auch der verschiedenen Bewusstseinsebenen, aus denen sie erfahren werden, letztlich aber auf ihren gemeinsamen Urgrund im Absoluten ausgerichtet. Universelle Spiritualitaet.

Heute frueh habe ich auf meiner Wanderung eine das Umland weit ueberragende Huegelspitze bestiegen. Der Lohn des anstrengenden, Haende wie Fuesse beschaeftigenden Aufstiegs war eine Rundumsicht ueber eine gruene Welt von weichen Taelern und Huegel, da und dort durch ein schwarzes Felsmassiv akzentuiert. Gruener Dschungel, auf allen Seiten, soweit das Auge reicht; in der Ferne da und dort eine Gruppe von Haeusern und Huetten, eine Ansammlung kultivierter Felder, durch erdige Landwege verbunden. Voegel singen, in der Ferne hie und da bellende Hunde, ein bloekendes Rind, Rufe von Menschen – alles eingetaucht in ein waermendes Sonnenlicht; kurz: Indien wie im Bilderbuch.

Ob diesem Frieden lacht mir das Herz, dessen Waerme ich schon beim Fruehstueck gespuert habe, als ich einem anderen Gast von meiner beglueckenden Arbeit erzaehlte; und ich weiss, dass diese Herzenswaerme meiner innersten Quelle entspringt. Nun ist es, wie wenn die ganze Welt um mich, auch von dieser Herzenswaerme erfuellt waere: wo ich hinschaue, schwingt es mir so entgegen. Das ist die Basis eines imaginaeren Dreiecks: die Resonanz des Einen in meinem Herzen am einen, die Resonanz des Einen in der Umwelt am anderen Ende. Und darueber die Spitze: der eine, ungeteilte Urgrund. Und wieder saugt mich die Erfahrung unwiderstehlich in sich hinein. Ich bin alle drei zugleich, kann vom einen ins andere wechseln oder ganz im Dreieck sein.

Dann mache ich mich auf den Abstieg von der Huegelspitze und setze mich etwas weiter unten nieder. Auf den bequemen Baenken unter schattigen Baeumen, ein Aussichtsplatz, der wohl vor vielen Jahren von entdeckungsfreudigen Englaendern angelegt wurde. Wie ich so vor dem alten Tisch sitze und auf die Tischflaeche sehe, tritt mir ein weiteres Dreieck vor Augen. Wieder die gleiche Horizontale: vom Herzen in mir zum Herzen in der Welt, doch diesmal ist seine Spitze nach unten gerichtet. Das Bild meine die Ausrichtung dieser inneren Verbundenheit auf den aktuellen Augenblick, auf das Denken und Handeln in der Gegenwart.

Schliesslich verschiebt sich das nach unten ausgerichtete Dreieck nach oben, so dass das Bild zweier ineinander verschraenkter Dreiecke entsteht: eines zeigt nach oben, das andere nach unten. In Indien ist das Bild als Shri Yantra bekannt; wir kennen es auch als Davidsstern. Es wird fuer mich von nun an eine neue, von eigener Erfahrung getrankte Bedeutung haben.

12. Januar 2008

> Multidimensionale Tempelrituale II (Fortsetzung)

Die langen, einsamen Wanderungen auf dem weiten Gelaende der Kaffe- und Gewuerzpflanzung, auf der wir uns noch immer aufhalten, sind inspirierend. Und da Elisabeth daran ist, von einer Darmgrippe zu genesen, habe ich Zeit und Gelegenheit meine Reflexionen zu notieren. Hier einige Nachklaenge zur gestrigen Notiz:

Wenn wir die hinduistische Goetterwelt von ihrem aeusseren Himmel abloesen und in unser Inneres hineinnehmen, entdecken wir, wie sie alle - Goettinnen und Goetter - in uns selbst wirksame Kraefte verkoerper; ob wir ihrer bewusst sind oder nicht. Lakshmi, zum Beispiel, die Goettin der Lebensfuelle, oder Ganesha, der alle Hindernisse ueberwindende Begleiter auf Reisen und anderen Unternehmungen, oder die Kuenste - Tanz und Musik - foerdernde Saraswati. Sie brauchen unsere Anerkennung und Wuerdigung, damit sie zu unseren Gunsten wirksam werden.

Glaeubige Hindus wissen beispielsweise, dass sich Lakshmi und die durch sie gespendete Lebensfuelle entziehen, wenn sie nicht gewuerdigt wird, aber auch, wenn sich der Glaeubige ihrer nicht als wuerdig empfindet - und erst recht, wenn er sie festhalten, sich ihrer bemaechtigen will. Unserem Ich geht es nicht anders in seinem Umgang mit seiner eigenen Lebensfuelle. Und wird der loewengestaltige Vishnu nicht mit Ehrerbietung und Zuwendung behandelt, so baut er sich zur bedrohlichen Gestalt auf; im Aeusseren, fuer den einfachen Hinduglaeubigen, oder im Innern, fuer den aufgeklaerten Menschen, der die ihrer mythischen Kraft beraubten und deshalb voreilig fuer tot erklaerten Goetter als Teil seines Wesens wiedergefunden hat.

Im Gegensatz zu den christlichen Gottesbildern haben die Goetter des hinduistischen
Pantheons durchaus ihre dunkeln, furchterregenden Gesichter. Dadurch geben sie uns die Chance der inneren Bewusstseinsentwicklung und -transformation, sofern wir es wagen, uns ihnen zuzuwenden und ihnen mit offenem Herzen zu begegnen. So lernen wir die Gesetze des Wandels kennen, wenn der gereizte, zum reissenden Tier gewordene Loewe seine machtvolle Sonnengestalt entfaltet, die uns ungeahnte Kraefte zu verleihen vermag. Oder wenn wir uns beherzt der alles Leben verschlingenden Kali anheim geben, die uns durch ihren bluttriefenden Schlund durch eine Nachtmeerfahrt fuehrt, um uns dann als die grosse Gebaererin alles Lebens, die grosse Mutter, neu in die Welt zu setzen. Wohl wird die christliche schwarze Madonna oft als Entsprechung der Kali angefuehrt. Mir ist allerdings keine Manifestation der schwarzen Himmelskoenigin bekannt, die eine lebensbedrohende, dunkle Seite zeigt.

Wer sich auf diese Nachtmeerfahrt einlaesst, darf dies nur aus einem furchtlosen, in seinem Urgrund tief verwurzelten Ich tun. Wer auf diesem Weg von Furcht oder Panik ueberwaeltigt wird, mag einer ungeheuerlichen Geisterfahrt entgegen gehen, von der laengst nicht alle ohne Schaden an Geist oder Seele zurueckgekehrt sind.

11. Januar 2008

> Indische Tempelrituale in multidimensionaler Erfahrung

Seit einer Woche sind wir nun in Suedindien unterwegs. Waehrend der letzten vier Tage haben wir in der Umgebung von Mysore mehrere vom Tourismus noch kaum beruehrte Doerfer und deren durch einen verwurzelten Volksglauben noch immer belebte Tempel besucht. Immer wieder wurden wir zu Tempelritualen eingeladen, und wir liessen uns ganz auf die archaische Intensitaet dieser Rituale ein. Besonders eindruecklich: Ein abendliches Ritual fuer die vierte Inkarnation des Gottes Vishnu in der Gestalt eines Loewen. Ein Gottesbild, das durch seine reizbare Grausamkeit in den Glaeubigen Respekt und Furcht erregt. Seine Zuneigung muss immer wieder aufs Neue erworben werden; dann wird der Gott zu einem machtvollen Beschuetzer in den schwierigsten Lebenssituationen.

Das abendliche Tempelritual, bestehend aus der Waschung der seine Gegenwart repraesentierenden Statue - Abishek - und ihre anschliessende Verehrung durch die Lichterzeremonie - Arati - sind Ausdruck dieser Zuwendung. Waehrend des Abishek wird die lebensgrosse, einen aufrechtsitzenden Loewen darstellende Steinfigur - wieder und wieder mit Dutzenden von Litern von Yoghurt, Milch, Ghee und Wasser uebergossen, immer begleitet durch die Rezitation von Mantren - Versen aus den heiligen Schriften - und den dazu vorgegebenen rituellen Gesten - Mudras. Schliesslich wir die Statue noch mit einem Pulver von Sandelholz und Kurkuma ueberzogen und ein letztes Mal gewaschen.

Nach Abschluss des Rituals wird der Vorhang vor den Zugang zum Allerheiligsten gezogen. Nur ein Bramahne darf anwesend sein, wenn Kessel um Kessel von frisch gekochter, koestlich duftender Nahrung vor die Statue gestellt wird, damit Vishnu sein Mal in Ruhe geniessen kann. Dann wird die Tuer fuer die Nacht geschlossen. Die reichhaltigen Speisen werden anschliessend als gesegnete Mahlzeit - Prasad - unter die Anwesenden verteilt.

Es war mir nicht moeglich - und ich habe es auch gar nicht erst versucht - mich der Intensitaet dieser Vorgaenge zu entziehen. Der Ort ist durch die Wiederholung dieser Rituale auch so mit Energie getraenkt, dass ich in eine hochintensive Stille und Gegenwart geradezu hineingezogen wurde. Ich spuerte, wie die Loewenkraft in mir aufstieg, deren zerstoererisches Potenzial ich nur zu gut kenne. Mein "Rechthaber" meldete sich, der so insistent und wuetend werden kann, dass er alles bessere Wissen ueberflutet und nicht aufzugeben bereit ist, bis er die Anerkennung seiner Meinung durchgesetzt hat. Ja, das ist mein Vishnu in Loewengestalt, und ich muss liebevoll mit ihm umgehen, ihm meine Zuneigung geben, damit er sein bedrohliches Gesicht verliert und zu meinem ebenso maechtigen wie guetigen Helfer wird. Es ist die Identifikation meines personalen Ich mit dieser maechtigen Sonnenkraft, die in Machtbesessenheit abgleitet, wenn sie angezweifelt oder gar bekaempft wird.

Am Vormittag nach dem Ritual treffen wir den Bramahnen ganz kurz, weil er uns seinen Segen mit auf den Weg geben will, und es wird schnell klar, dass er im Ritual nicht die individuelle Auseinandersetzung der Glaeubigen mit ihren dunkeln Seiten im Blick hat. Sie fuerchten die grimmigen Seiten des Schicksals, dem sie eine aeussere goettliche Gestalt zuschreiben, und sie soll milde gestimmt werden, damit sie ihren Anhaengern seinen Schutz im Alltag gewaehrt: ein mythisches, von Respekt und Furcht bestimmtes Gottesbild.

Mir wird dabei klar, wie die selben religioesen Bilder auf den verschiedenen Bewusstseinsebenen immer wieder neu verstanden werden koennen. Es ist klar, dass ich in einen Raum groesserer Freiheit und Verantwortung gelange, wenn ich diese "goettlichen" Energien in ihrer dunkeln und lichten Erscheinungsform als in mir wirkende Kraefte verstehen und ihnen bewusst begegnen kann.

Heute frueh bei einem Spaziergang in einer riesigen Kaffe- und Gewuerzeplantage in den Western Ghats, wo wir inzwischen angekommen sind, wurde mir eine weitere Dimension des gestrigen Rituals bewusst: Dieses loewenartige Machtbewusstsein und seine Tendenz zum Machtmissbrauch, sobald sein Selbstverstaendnis provoziert und in Frage gestellt wird, ist auch global wirksam. Wir sehen dieses Wirken hinter den zahlreichen Konflikten, welche die Welt bewegen. Es ist wohl auch eine kosmisch wirkende elementare Kraft.

Ist es denkbar, steigt jetzt in mir die Frage auf, dass solche Rituale, wenn sie im Bewusstsein ihrer ganzen Tiefe und Weite ausgefuehrt werden - vielleicht vernetzt mit andern, in einer "zeitfreien Gleichzeitigkeit"? - global oder gar kosmisch wirksam sind? Und: Gehoert es zu den naechsten Schritten der Evolution des kollektiven Bewusstseins der Menschheit, dass wir dafuer optimale Formen und Vernetzungen finden? Um die Kraefte blinden Eigennutzes und der Verteidigung alter Machtpositionen global zu beruhigen?